Laufzeitenverlängerung
Sarrazin hat mal wieder einen fahren lassen.
Spiegel online fasst sein soeben erschienenes Buch so zusammen:
Im Kern geht es um Sarrazins Angst vor einem Deutschland, das aus seiner Sicht immer weniger deutsch ist. Die Politik lasse “eine Veränderung unserer Kultur, unserer Zivilisation und unseres Volkscharakters zu, die wir gar nicht wünschen”, beklagt der Autor. “Ich möchte, dass auch meine Urenkel noch in ‘Deutschland’ leben können”, ist da zu lesen.
“…eine Veränderung…, die wir gar nicht wünschen.”
Lieber Herr Sarrazin,
du bist nicht wir.

Über uns die Polen auf dem Balkon; essend, laut redend.
Der schwere Nachtgeruch aus dem Innenhof, die drei Bäume und das wenige Gras im Vollrausch: August, stockdunkel.
Die Atemtechniklehrerin gestern zu mir: „Die Konsonanten sind das Besondere an der deutschen Sprache. Mit Vokalen können wir nicht dienen. Du musst die Konsonanten lieben lernen. Wie schwer erziehbare Jugendliche.“
So sagt sie das.
Ich also allein mit einer Konsonantenübung in meinem Zimmer, eine Etage drüber die Polen und der Geruch aus dem Hof durchs offene Fenster.
Das Theater hat endlich Geld überwiesen.
Heute Mittag habe ich alle ausstehenden Rechnungen bezahlt. Auch das, ein Vollrausch. Ich hätte eine tadellose Zahlungsmoral, hätte ich denn regelmäßig Geld.
Wegen der Schlagzeilen zum angeblichen Attentat auf Ahmadineschad erneut über Tyrannenmord nachgedacht. Judith und Holofernes, Hitler und was Bonhoeffer dazu geschrieben hat.
Meine Chefin von dem Nebenjob geht mir nicht aus dem Kopf.
Ihr wutentbranntes, kontrollsüchtiges Gesicht. Ein Mensch, der nicht mehr viel hat, als die Macht, Macht auszuüben.
Ich zähme meine Reflexe und denke: „When someone gives you a hard time, respond with the energies of prayer, for then you are working out of your true selves…“
Doch dann wieder die helle Lust: Tyrannenmord.
Ich treibe durch die Wohnung und aus der Wohnung hinaus auf die Straße an der Taverne vorbei: Gelächter und verschütteter Weißwein.
Seit 5 Tagen sehe ich mir Filme von Christian Petzold an. Einfach alles, was ich kriegen kann.
Schlomo ist nicht bis mäßig begeistert. ‚Jerichow‘ fand er ganz okay.
Aber als er gesehen hat, wie Christian Petzold in dem Interview sichtlich unangenehm berührt zur Seite schaut, musste auch er lachen.
Ich suche danach. Die Sekunde, in der jemand die Antwort nicht weiß, irritiert wird, missversteht, den Faden verliert.
Nicht aus Schadenfreude.
Sondern weil es schön ist und wie neugeboren.
Ich bin verliebt in Mesut Özil.
Und schaue mir vielleicht die ganze WM wegen ihm an.
Es gibt nur wenige Menschen deren Augen seitlich, sozusagen auf den Schläfen sitzen.
Uma Thurman und Özil.
Vögel sind meine Lieblingstiere. Auch sie haben ihre Augen seitlich. Es muss ein
schönes Gefühl sein, den Kopf zu wenden, um geradeaus zu sehen.
Wie Adam Soboczynski in der aktuellen Ausgabe der Zeit bemerkt, geht es beim kürzlich per Volksentscheid in Bayern verabschiedeten Nichtraucherschutzgesetz nicht ums Rauchen.
Man muss sich tatsächlich, würde man denn ab und an eine passiv mitrauchen wollen, aufrichtig bemühen, einen Ort ausfindig zu machen wo dies noch möglich ist.
Konkret hieße das sich mit unattraktiven Menschen hinter den Tresen einer unattraktiven Eckbeize zu klemmen oder am Frankfurter Flughafen die auf Meilen hin einzige Raucherbox anzusteuern.
Es ist längst, auch ohne das verschärfte Gesetz, ein umfassender Nichtraucherschutz an Schulen, Krankenhäusern, Meldeämtern und in so gut wie allen Restaurants, Cafes, Clubs, gegeben.
Sich bei einer längeren Besprechung, im Zug oder in der Kantine eine anzuzünden ist sowieso undenkbar.
Nun sollen also noch die letzten Nebenräume, Ausnahmeregelungen und Festzelte dran kommen.
Warum? Wer soll hier geschützt werden? Und wenn es niemanden mehr zu schützen gibt, weshalb ausgerechnet im Umgang mit diesem Laster/Vergnügen die Militanz?
München ist deutsches Dolce Vita und sogar im Winter ein bisschen mediteran. Man braucht sich also nicht über Details aufzuregen. Trotzdem verbringe ich den Vormittag nach dem Volksentscheid mit Schimpfen auf den Polizeistaat, Bayernseuche und Dunkelland.
Am Mittag trabe ich ins Pflegeheim zu meinen liebreizenden verwöhnten alten Damen. Als das Thermometer gen 30 Grad klettert, laufe ich im Garten mit einer Karaffe und Gläsern zu den Omas und rufe, noch in Stimmung vom Vormittag „Wasserpolizei“ – die Damen finden´ s lustig und quieken. Sie haben gut lachen. In den 60´ern, als sich ihre Jugend dem Zenit entgegen schwang, galt es als geradezu unschickliches Betragen, eine Zigarette auszuschlagen.
„Eine junge Frau hatte zu rauchen“, wurde ich neulich von einer 80 Jährigen belehrt und ob das nicht ein bisschen lebensfremd ist, nie zu rauchen, „man muss doch Kontakte machen. Flirten, Reden. Sie wissen schon.“
Falsch, hätte ich am liebsten geantwortet. Geflirtet und geredet wird nicht mehr. Zeit verschwendet und Gesundheit ruiniert schon zwei Mal nicht. Fünfzig Jahre nach der unbedarften Jugend dieser Dame, hat ein Mensch nicht zu rauchen oder Kontakte zu machen, sondern Leistungsträger zu sein. Auf allen Ebenen.
Das bedeutet: Kaffee, länger bleiben und Kollegenvolleyball ist drin.
Rauchen, Feierabendbier und am Wochenende keine Mails checken verdächtig.
Leistungsdrogen, Leistungsbeziehungen und leistungssteigernde Freizeitaktivitäten sind richtig.
Entspannungsdrogen, zwecklose Freundschaften und nach der Arbeit am liebsten nichts zu tun falsch.
Wer sich über Arbeit definiert, hat darüber zu wachen, nicht unter ein bestimmtes Leistungsniveau zu rutschen. Ein Leistungsabfall kann einen Identitätskonflikt zur Folge haben, das will vermieden werden.
Eine Antwort der Schlafforschung für gesellschaftlich stark zunehmende Symptome wie Einschlafstörungen, vorzeitiges Erwachen, Durchschlafprobleme, ist der Leistungsdruck, der mittlerweile auf dem Schlaf liegt.
Der Schlaf muss bitte sofort, tief und regenerierend sein, damit am nächsten Tag genauso viel oder besser noch mehr geleistet werden kann.
Dass sich allerdings Schlaf, ähnlich wie Phantasie, Inspiration oder Leichtigkeit unserer Kontrolle, vor allem unserem Zeitdruck entzieht, ist vorprogrammiert.
Warum rege ich mich auf? Auch mir ging es und geht es bei diesem Volksentscheid nicht ums Rauchen. Das Rauchen ist mir so egal, wie eine durchzechte Nacht oder Tante Ellis fettige Krapfen, von denen ich mir auch nur alle paar Monate einen gönn. Für mich steht hier ein anderer Sachverhalt zur Debatte. Wie viel Platz, Raum und Toleranz gibt eine Gesellschaft dem menschlichen Bedürfnis nach Nutzlosigkeit, Spiel und Leere? Nach wenig leisten, streckenweise gar nichts leisten? Dem Bedürfnis, einfach da zu sein?
Eine zu rauchen, einen Tag lang Musik zu hören, Mandalas zu malen, über eine Wiese zu gehen und dabei nicht zu joggen oder die Woche zu planen, sondern nur über die Wiese zu gehen?
Wie viel Platz gibt es für diesen ganzen menschlichen Quatsch, den man nicht einfach wegrationalisieren kann? Jedenfalls nicht ohne kostspielige Folgen.
Immer gegen 18 Uhr, nach dem Abendessen, kommt der Typ vom dritten Stock in den Hinterhof runter, quarzt eine in sich rein und schnitzt dann mit seinem neunjährigen Sohn an dessen Indianerbogen.
Wenn Pfeil und Bogen fertig sind, schießen sie die Pfeile durch den Hof. Manchmal landet einer an meinem Fenster. So läuft das jeden Sommer. Vielleicht stirbt der Mann an Lungenkrebs, vielleicht würde er gern aufhören und kann nicht, vielleicht ist er mit der Raucherei kein Vorbild für seinen Sohn.
Bedrohlich ist er aber auch nicht und mit Militanz gegen sein abendliches Laster vorzugehen halte ich für geradezu lächerlich.
Im Sommer vor einem Jahr habe ich eine sehr begabte Malerin kennen gelernt: Ruth Kretzmann.
Ihre Bilder sind so ziemlich das Schönste, was ich jemals beim Entstehen beobachten durfte. Leider kann ich sie mir zur Zeit nicht leisten. Deshalb freut es mich um so mehr, dass seit Kurzem ein Bild von ihr als Leihgabe in unserer Hütte hängt. Wer nicht vorbeikommen kann, um es zu betrachten, sehe sich unter ihrem Namen um oder flaniere mit mir am Wochenende durch Art in Au.

Ich nehme keine Bücher mit, keine Musik, nichts um mich abzulenken und habe ein bisschen Angst, dass es langweilig wird.
50 Kilometer vor Garmisch Partenkirchen besteht Schienenersatzverkehr. 100 Menschen und ich stehen am Bahnhof und wissen nicht weiter. Ratsuchend schauen wir uns auf dem einsamen Gelände um, als bereits ein Angestellter heran keucht, auf bayerisch und bayerisch englisch erklärt, dass ihm die entstandene Konfusion leid tut und wir ihm alle hinterher laufen sollen, er bringt uns jetzt zum richtigen Bus. Die Italiener lachen und finden es wahrscheinlich drollig, dass er das Konfusion nennt.
Die Busfahrt wird zum kleinen Überlandabenteuer für die Amerikaner in der Reihe hinter mir. Ihnen werden blondbewimperte Kühe und Dorfstraßen geboten, die wirklich aussehen, wie in Sound of Music. Auch mir ist jetzt nach Singen, ein Japaner hat sein Edelweiß T-Shirt angezogen und der Fahrer sagt durchs Mikro: „Keine Angst – you will be happy.“
Unter den Mitreisenden ist unterdessen Solidarität ausgebrochen, es wird sich unterhalten und Nonsens über die Höhe der Berge verbreitet. Ich rutsche sehr tief in meine Sonnenbrille hinein und freue mich auf Ruhe.
Die Berge sind schlicht und groß und die erwünschte Einsamkeit perfekt. Auf einer Anhöhe unter Tannen entwerfe ich mein neues Lieblingsleben:
Ich wohne hier mit zwei Schafen und mehreren Hühnern. Die Hühner spielen nachts Karten, die Schafe heißen Wallenstein und Robespierre. Morgens steigt der Dampf aus den Wiesen, ich vertrage wieder Milch und schwimme in kalten Seen.
Es ist fast immer Sommer oder Frühling. Ich trage Sandalen oder Gummistiefel und nie Sportschuhe.
Herbst und Winter sind kurz und eindeutig. Der Wald knackt und macht sich Gedanken und wenn ich mit dem Fahrrad ins nächste Dorf fahre springen die Kieselsteine auf dem Weg zur Seite.
Im Sommerfrischlerwahnsinn renne ich am nächsten Morgen um halb 7 die Alm hinauf. Das Rennen vergeht mir nach 100 Höhenmetern und nach 1800 sitze ich zittrig auf dem Gipfel und bin der Sommerfrischlernaivität gründlich entwachsen. Es ist dennoch verdammt schön und dass ein Regenbogen auftaucht, der meine ernsten Gedanken zu einem Delfinposterwitz degradiert, nehme ich dem Himmel nur vorübergehend übel.
Ich fange an, mich für die Bemalung der Häuser zu interessieren. Ich meine nicht die Verzierungen und Holzschnitzereien, sondern die Kuhmädchen, Waldarbeiter und Hufschmiede, die in einer Art bayerischer Sozialismuskunst an die Außenwände der Höfe und Scheunen gepinselt wurden. Die dargestellten Menschen sind alle im Besitz eines braungebrannten Arbeitergesichtes, eckiger Ruderarme und einer mehlsuppigen Bockigkeit.
Neo Rauch ohne grelle Farben.
Und überall zwischen diesen SPD Protagonisten sitzt und streunt herbei gelaufenes Getier aus dem heimischen Wald – Füchse, Marder, ein Bär und immer wieder Schwalben.
Die ganze Woche wird der Frühstücksraum des Berghotels mit traditioneller Zither – und Akkordeonmusik beschallt. Am letzten Tag jedoch läuft laut aufgedreht, aus einem Grund der im Dunkeln nicht kausal verankerter Vorkommnisse bleiben wird, James Brown – sex machine!
Ich bin begeistert und strahle die Frührentner am gegenüberliegenden Tisch an.
Die tun so, als verstehen sie kein Englisch oder sind vor der ersten Weißwurst einfach noch nicht wach.
(Bild: Gabriele Münter, Murnauer Moos, 1932/ Der blaue Reiter)