Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

January 25th, 2010

Mehrzweckhallen

Probe in einem Vereinshaus von ausgesuchter Hässlichkeit.
Ich liebe schlecht eingerichtete Hotels, Kneipen, Arztpraxen und natürlich oben genannte Räumlichkeiten.
Noch mehr; schlecht gelüftete, mit Faschingsgirlanden von diesem oder letztem Jahr behangene, Einrichtungen.
Sie geben mir Anlass zu Spekulationen, die mich, weit über die an dergestalt gearteten Stätten verbrachte Zeit hinaus, beschäftigen.
Um es ohne Umschweife zu sagen verleiht die Kontemplation, die ich Bürgerhäusern und ähnlichen Räumlichkeiten widme, meinem eigenen grauen Sein einen Glanz, den mir keine gut bezahlte Vogue Layouterin auch nur im Ansatz verschaffen könnte.
Man muss sich die persönliche Erhebung vorstellen, die einen ereilt, setzt man den Fuß auf fleischfarbenen Linoleumbodenbelag, lässt das Auge über kiefernhölzerne Wandverkleidung wandern und die Finger in Plastikvorhänge greifen, die zu besseren Zeiten Assoziationen an die reife Haut einer Mittvierzigerin hervorriefen.

Man mag in einer unzulänglich beheizbaren Abstellkammer mit schwierigen Mitbewohnern und kalkblättrigen Wasserleitungen wohnen.
Nichtsdestotrotz wird sich der, in eine solche Unterkunft, Rückkehrende eines Restes verbliebener Würde sowie der Richtigkeit seines natürlichen Geschmackempfindens versichert wissen.

Was wiederum, möchte man an dieser Stelle großzügig denken, Motivation eines human handelnden Mehrzweckhallenausstatters sein könnte.

January 18th, 2010

Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs in der taz, 16.Januar2010

Der Mensch wird zum Datensatz

January 18th, 2010

Robert Schumann, Dichterliebe, Erzählung in 16 Bildern

Gerade noch rechtzeitig an dem Aushang in der Bibliothek vorbeigeschlittert um, restalkoholisiert von der Nacht davor und fußlahm von der Heimschicht danach, in den Stuhl des Konzertsaals zu fallen.
Ein Bariton mit wunderbarem Bauchschnurren sang sich vom ersten Zustand der Liebe zum zweiten, zum dritten usw.
Nächtliche Bäder in Gram und Sehnsucht können so erquickend sein.
Der virtuose Gnom, der den Bariton am Flügel begleitete, war ein Pianist.
Ich bin mir sicher, in seinen stummen Gedanken, hatte er einiges zu lachen und zu spotten. Bei der Verbeugung schoss ihm ein derart dadaistisches Zucken in die Mundwinkel – ich spürte große Lust ihn anzuspringen – Resonanz auf Provokation – er hätte es verstanden.
Trotzdem ist das jetzt alles ein bisschen gleichgültig.
Einen Angehörigen zu verlieren ist die eine Sache. Tagelang seine Hilfeschreie zu hören, bis sie schwächer werden und schließlich ausbleiben, eine andere.
Das ist alles so …
Man kann gar nichts Längeres dazu sagen.

January 18th, 2010

Die Kindheit ist vorüber, da hilft auch nicht so tun als ob.

Jahrelang habe ich gegrübelt, wie man das eigene Glück mit dem Schaden der Welt vereinbaren soll. Als rechter Kommunist, der ich in einem Winkel meines Herzens nun mal bin, Menschenfreund und Altokö (erste Baumumarmung im zarten Alter von 14 Jahren) ist es mir nicht  möglich, mich aufs Private zurückzuziehen. Noch weniger allerdings, die frohe Kunst, alles Schöne zu lieben und ein bisschen zu können, dem Rachen von Bedürftigen anheim zu geben.
Darum haben sich bei mir der Provinzschauspieler, Halbautor und Sozialarbeiter zusammengetan bzw. fordern nacheinander, in geordneter Abfolge ihre Aufmerksamkeit, was jedoch die Möglichkeit beinhaltet, dass die gute Ordnung sich nicht einstellen will, Klartext: Die Deadlines mir von allen Fronten entgegengelaufen.
Doch habe ich beschlossen, nicht zu enden wie manche Zeitredakteure, die in Ermangelung ihrer Mußestunden nur noch über die Notwenigkeit von Mußestunden referieren.
Begebe mich also in die gute Stube, schließe die Tür, Schneidersitz, Schulterkreisen, Atmen, ein paar Wurstigkeiten:
Mir egal.
Alles egal.
Leckt mich.
Alle.
Ich, ich, ich.
Aufstehen, Tür auf, weitermachen.

Verlass mich nicht Resilienz!

January 13th, 2010

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.
A. Einstein

January 6th, 2010

3 Könige

Nachtschlittenfahren. Minus 12 Grad. Eine steile Piste.

Berge mit Schneehaube und Tannenwipfel schwarz wie Pech unter großer Luft. Wenn man selten über den Umkreis des U-Bahnstreckennetzes herauskommt, ist eine sternenklare Nacht auf dem Land tatsächlich sehr sternenklar.
Die Fürst von Metternich Flasche, die mir eine alte Dame aus dem Heim geschenkt hat, bescherte der  O-Freundin eine besonders fröhliche Abfahrt. Dem Fürst sei´s gedankt.

Was ein Mensch auf zwei Kufen für eine Geschwindigkeit entwickeln kann.
Und erst recht 3 Menschen.
Mehr davon bitte.

December 31st, 2009

Gestern Beethovens Neunte in der Philharmonie.
Ich sah sehr hübsch aus in meinem karierten Kleid und Schlomo trug einen schwarzen Pullover, der mit viel Phantasie als klassisch bezeichnet werden kann. Riesenchor und Orchester mit reichlich Musikern, davon vier, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben:
- Ein Cellist, Andy Warhol -Gesichtszüge, der mittels raumnehmendem Armrudern seinen Instrumentenkasten drangsalierte, auf dass die Sinfonie noch an diesem Abend dem Erdboden gleich gemacht werde.
-Sichtlich betretener Junge mit abstehenden Ohren, den man in einen Konfirmandenanzug  gesteckt und hinter der Pauke platziert hat, augenscheinlich damit er zwei Mal, während allgemeinem Orchestertosen beim Allegro energico, der Kuhhaut einen Tritt verpasst.
- Der große Asiate erste Reihe, in akrobatischer Leidenschaft um seine Geige geschlungen, gewiss ein Geheimtipp unter verliebten Kontorsionistinnen.
-
Die Sopranistin, vielleicht schon Mutter erwachsener Kinder, immer noch fabelhaftes Dekolleté und wirklich Freude schöner Götterfunken in Leib und Lachen. Frau zum Anbeißen (Praline).

Im Vorfeld des Konzertbesuchs konnte ich nicht gut essen und hatte feuchte Hände und eine leise Ankündigung in mir, die sagte: Vorsicht. Der alte Ludwig wird dir an die Nieren greifen.
Was sich bewahrheitete. Es hätte nicht einmal mehr der einhundertfünfzig, aus ihren Bänken springenden, Sänger bedurft, die den vierten Satz durch meine Schädeldecke und in den Orbit eines vielleicht um diese nächtliche Stunde still kreisenden Planetenbrockens weit von unserer Galaxie entfernt, jagten.
Es ist eine Reinheit und atavistische Verbundenheit in dem weit aufgerissenen Mund eines um sich schlagend, schreiend, brüllend singenden Menschen.
Erste Handlung eines Neugeborenen. Schmerz und Freude. Kanon aller Völker.

December 5th, 2009

Zwei Wochen effektiv gearbeitet. Morgens um 9 raus, Spaziergang, acht Stunden geschrieben, Klavier spielen, schlafen.
Aber als säße  in meinem Magensaft ein Quartalschlamper, der sich für Ambitionen jeglicher Fasson nur leidlich begeistern lässt, bricht jetzt wieder der Hallodri durch.
Es war auch ein Fehler von mir, zehn Bücher auszuleihen, die ich immer schon lesen wollte.
Und drei Comics.
Davon ein sehr dickes.

Der Kampf ist eh schon verloren. Effizient wieder im Januar.

November 19th, 2009

Fassungslos

Stehe da, wo vorher ein Wäldchen unweit des Taxisgarten war, vor einer Glas -Beton -Luxuswohnanlage,  in Anbetracht derer, die ganze Einfallslosigkeit dieser Welt nur müde lächelnd abwinken wird.
Als ob es nicht schon genug Hässlichkeit gäbe.
Ich selbst werde mit einer Flinte im Häuserkampf Straßenzug um Straßenzug durchkämmen, um den Investor ausfindig zu machen, der es gewagt hat diesen heiligen Winkel anzutasten, in dem Igel gelebt haben und Bänke zum Verweilen und Gestrüpp, in dem man sich verstecken kann, wenn man unter 5 Jahren alt ist oder eine Katze.
Ich dachte immer ich bin der Yuppie. Dabei stimmt das gar nicht – ich bin ein handfester Öko und ich gebe all den wirklichen Yuppies, die den Bezug zum Leben verloren haben und in diesen Klotz eingezogen sind, genau eine Minute Zeit ihre Sachen zu packen und das Land zu verlassen, bevor sie mitsamt den überteuerten Stahlpompwohnungen, die oben genannter Investor in unser Altbauviertel gerammt hat, und ihren zweifach gefederten Angeberkinderwägen in die Luft gesprengt werden.  Ich  reiße diese, für Zugeldgekommene, Bunkerscheiße, die sich modernes Wohnen auf hohem Niveau schimpft, nieder und renne in das Büro des Stararchitekten, der für viel Asche seine billige Idee  an o.g. gemästeten Investor verkauft hat, hacke ihm die Hände ab und räume den Tresor leer, gebe alles Geld den Hungernden und wenn alle Hungernden gegessen haben wird immer noch so viel übrig sein, das wir davon in den Schuttgruben des gesprengten Wohnkomplexes echte Häuser wachsen lassen können aus Geschichte und Gras und Menschen.

Um es mit Irmgard Keun zu sagen: Ich bin ganz kaputt vor Traurigkeit und Hass

November 17th, 2009

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Ein karpatischer Gruß für Janna. In Gedenken an die Heimat.