
Eine gute Gelegenheit die vertraute Heimat “neu” zu betrachten ist der Besuch eines Ausländers, mit dem man sich dann durch die Gassen und Winkel der zu besichtigenden City schleusen kann. So heute, mit E. aus Berlin, eigentlich aus der Schweiz, derzeit Berlin. Nach heftigsten Mohnkuchen aus einer Bar im Univiertel in die schneerieselnde Dämmerung der Straßen getreten und Richtung Odeonsplatz gelaufen. Vorbei an ausrangierten Wäschereien und stillgelegten Running Sushis noch einen beträchtlich andersgearteten Laden entdeckt: Innerhalb des Verkaufsraumes hockt ein alter, olivehäutiger Mann auf einem abgesessenen Bürostuhl über einen Perserteppich gebeugt, die gewebte Verschlissenheit ausbessernd.
Der Teppich wird gewissermaßen von einem Grundgerüst zusammengehalten, einem Skelett von Garnsträngen, auf die Knoten um Knoten die bunten Fäden eingeknüpft werden, wochenlang in Handarbeit. Die Finger des Alten tragen tiefe Furchen, scheinen gegerbt von der Hitze, der mangelnden Luftfeuchtigkeit eines fremden Landes, sie springen blitzschnell von einem Strang zum nächsten, knoten die braunen Punktierungen in das Ornament des wuchtigen Teppichs. Fasziniert drücken wir, noch auf der Straße stehend, unsere Gesichter an das Schaufenster, ich versuche ein Bild, der Besitzer des Ladens steht plötzlich neben uns, bittet uns herein.
Der Besitzer: “Kommt rein. Macht die Fotos von drinnen. Papa, Besuch, Journalisten und Fotografen für dich.”
Der Alte: “Woher kommen Sie?”
Ich: “Aus Deutschland.”
Der Alte: “Sie sehen nicht so aus.”
E: “Ich komme aus der Schweiz.”
Der Alte: “Dann sind sie eine reiche Frau.”
Der Besitzer: “Papa. Und wir Perser sind eigentlich alle Ölscheichs und machen das nur zum Spaß.”
E: “Reich bin ich nicht, aber ich habe immer die Taschen voller Schokolade.”
(greift in die Tasche, hat zufällig wirklich eine aus der Schweiz dabei und schenkt sie dem Alten)
Der Alte: “Wir müssen Tee trinken.”
Ich starre auf seine emsigen Finger: “Woher können sie das? Haben sie es sich selbst beigebracht?”
Der Alte lacht: “Wie kann ich mir etwas selbst beibringen?”
Nach einer Weile verabschieden wir uns, mein Kopf ist warm und rauscht, wegen der unerwarteten Freundlichkeit.

Weiter zum Sendlinger Tor muß ich schweigend erkennen, dass mein Lieblingsladen, eine alte Seilerei, in der man Taue und Schnüre aufgerollt an massiven Drehkurbeln beschauen konnte, von einer hygienisch hippen Handykette verdrängt wurde. Es ist zum Kotzen. Über die bevölkerten Stände des Viktualienmarkts eumeln, Käse probieren, den Mild-Würzigen nehmen, hebt die Laune wieder. Vor den Metzgereien warten strapazierte Hunde auf die Herrchen drinnen, strecken soweit es nur irgendmöglich ist ohne den angewiesenen Platz zu verlassen, die Schnauze in die auf- und zuschiebenden Glastüren der Wurstparadiese. Leid, sehr leid können sie einem tun. Habe mich jetzt, wos mit der Kohle besser läuft, auf Biofleisch verlagert, da ich ja schon lange der Ansicht bin; wenn morden, dann so schmerzlos wie möglich und nachdem das Gemordete ein respektables Leben hatte. In der U-bahn liest ein völlig versunkener Junge ein Buch am Gleis, man möchte sich an ihn lehnen und mitlesen, so eine Ruhe strahlt er aus. Noch etwas verwundert mich. Eigentlich ist es gar nicht witzig. Also nicht außerordentlich. Nicht so lustig, dass mir einleuchtet, warum ich jedes mal glucksen muß, wenn ich daran vorbeilaufe. Das Gesicht des Typen, dessen Freundin ihm den positiv anlaufenden Schwangerschaftstest zeigt, auf dem Werbeplakat, unserer allseits geschätzten Sparkasse.
