Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

January 31st, 2007

Jordi (man spricht das J nicht wie Jakob, sondern wie Dschungel)

Die Zählungen neigen sich dem Ende. Man geht wieder ins Callcenter.
Heute aber noch nicht. Nach Schlafen bis Zehn Spaziergang durch das Dorf, was Mü wirklich ist, wenn Mittwochs Vormittags alle unter 60 arbeiten. War auch froh, dass wenigstens hier viele Menschen Arbeit haben und angeblich ist, aufgrund des milden Winters, die Arbeitslosenquote in diesem Januar auch niedriger als sonst. Dann bißchen rumgelümmelt und hurra der Jordi rief an, ist in der Gegend und lädt sich ein. Man weiß ja auch, dass ich nicht kochen kann, desenthalben bringen spontane Jordis Hühnchen etc. selber mit, um dann feine Dinge zu zaubern. (Herr S. will jetzt mit Jordi zusammen sein).

S.G.w.u.w.l. -diese Abkürzung versteht nur Siegfried Schüle- werde ich im März nach Tel Aviv fliegen, von Naomi abgeholt werden und drei Tage schaun, was so passiert in so einer holy Stadt.
Erstaunlich, wie sensibel man manchmal sein kann. Hatte ein paar DinA4 Blätter auf die Ablage gelegt und jemand hat sich draufgesetzt, dann war da ein Knick drin. Dann hab ich schier geheult deswegen. Unglaublich.
2 Hunde getroffen, die von ihrem Herrchen Rexi und Wiggel gerufen wurde. Wie sehr kann man Hunde eigentlich demütigen?

Gute Nacht ihr Tigerles.

January 31st, 2007

49

We aren`t immortal. We don`t last long.
Like our dogs, we age and weaken. And die.

This is what happens to those who live for the moment,
who only look out for themselves:
Death herds them like sheep straight to hell;
They waste away to nothing-
nothing left but a marker in a cemetery.
But me?
God snatches me from the clutch of death,
he reaches down and grabs me.

So don`t be impressed with those who get rich
an pile up fame and fortune.
Just when they think they`ve arrived
and folks praise them,
they enter the family burial plot
where they`ll never see sunshine again.

Like our dogs, we age and weaken. And die.

January 29th, 2007

Quiddestraße, Linie 139 und 192

So, das wars. 6 Stunden Frieren haben ein Ende. Von morgens bis mittags an einer Bushaltestelle gestanden und wieder irgendwas gezählt. Eine sehr ereignisreiche Iranerin kennengelernt, die aussieht wie eine Comicfigur mit schnippelkurzen Haaren, Bildhauerin wird und mal bei more&more gearbeitet hat. Sie hats dort nicht lang ausgehalten, meint sie, die Weiber seien so schlimm. Besonders die um die 30. Betreten den Laden und haben irgendwas verwechselt und denken sie sind sex and the city und “müssen” unbedingt diese Schuhe haben. Die Schuhe gibts nicht, was sehr “ooch” ist und “das darf doch nicht wahr sein!” und dann nur mit 2,5 Stunden Umkleidekabine belegen getrösten werden kann. Dann doch lieber die Bushaltestelle für die Iranerin und mich.
Gestern den Jordi und Flixe in der Küche gehabt, Waffeln die Zweite, ein paar Kurzfilme, aber vor allem den frischverliebten Jordi angeschaut. Hat jetzt einen glänzigen Laptop, legt auch schön immer das stereporne Schutzpapier rein, bevor er ihn zu macht, wahrscheinlich damit “die Tastatur nicht den Bildschirm verkratzt”. Brav. Das nächste mal gibts belgische Waffeln, die sollen gut sein und Ale, ich hoffe, du hast dann auch Zeit.
Gerade frage ich mich, warum mein Kopf voll Sand ist. Nach reiflicher Überlegung, was ich mir über die Ohren gezogen haben könnte, was dann Strand-oder Sandkastensand beinhaltet hat, sehe ich Arnes Mütze auf meinem Bett liegen. Ich weiß ja nicht, wo du damit warst oder wie lange es her ist, aber ich wollte eh duschen.

January 27th, 2007

Samstag

Ein Abstecher bei Arne und Ilona ergab ein ausgeliehendes Waffeleisen, mit dem ich heute morgen allerhand Eßbares zustande brachte. Felix, wenn du morgen kommst, kannst du bitte einen Liter Milch mitbringen, wir haben vergessen einzukaufen? Die erste Hälfte des Samstags hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil das untragbar ausufert mit meinem Schlafbedürfnis. Die zweite Hälfte hielt dann für Ärger wegen nicht funktionierender Vorstellungen her. Gegen Abend die Entscheidung getroffen, mich in den Schnee hinauszujagen und kaum draußen, überrascht festgestellt, dass die Stadt zwar noch da ist, aber die Menschen alle weg sind. Eingmauert von konstant wachsenden Schneewänden, schlitterte ich über die Straßen, lautlos fielen Flöckchen auf meinen Kopf. Supergau oder so, hat sich das angefühlt. Beim durch die Scheiben in die Cafes gucken dann gemerkt, dass doch noch welche übrig geblieben sind und in der Tram saßen auch ein paar verwirrt in die Runde schauende Mitbürger.
Erfolgreich mit fabelhaft klebenden Schneebällen auf eine Laterne geschmissen und auf den Schaukasten der Neuapostolischen Kirche. Jetzt nicht wegen den Neuapostolen. Nur der Schaukasten war genau in meiner Kopfhöhe. Und ich kann doch nicht so gut werfen. Vor mir hielt ein Taxi und heraus sprang ein Mädchen und rannte auf mich zu. Rannte dann aber an mir vorbei zu dem Mädchen, das hinter mir bereits auf sie wartete und dann gings los: Zwitscher, zwitscher, großes Hallo auf Russisch oder irgendeine slawische Sprache. Haben sich auch regelrecht das Gesicht naß gemacht, viele Küsse und Quietschen. Sehr berührend fand ich das. Habe ja neulich S. Oma kennengelernt und die hat dann auch geweint und gesagt: Wegen der Freude.

January 26th, 2007

Knitterhaut

im Nordbad im Außenbecken geplantscht und fest davon überzeugt gewesen, dass es mir nicht schadet, weil der Körper in dem heißen Wässerchen kein bißchen friert. In den Filmen machen sie das doch auch immer; um den Pool herum liegt Schnee und im Wasser freuen sich aufgeweichte Protagonisten des Cocktails und des bereits anrollenden Konflikts. Zu Hause böse Kopfweh gekriegt und an meine Mutter denken müssen, die sich an die Stirn langt bei solcherart hybriden Verwundbarkeitsleugnern. Nach einem fünf stündigen Mittagsschlaf bin ich jetzt schon wieder recht gut beieinander und sehe einen finsteren Haufen Arbeit auf mich zumaschieren. Der lag während meines Nickerchens in der Ablage und dachte sich: “Na warte,…!”

January 25th, 2007

Um 4:30 Uhr aufgestanden

In die U-bahn gesetzt, nach Josephsburg gefahren und dort meine Kollegen von der U-Bahnzählung getroffen. Bis 12 Uhr am Gleis gestanden und gezählt, wieviele Fahrgäste bei Abfahrt in dem vierten Abteil sitzen. Nun fahren die U-Bahnen im 10 Minuten Takt, was einem jeweils 9,30 Minuten gibt, die man sinnvoll gestalten könnte, wäre es nicht so früh und die Unfassbarkeit dieser Arbeitszeit mächtig.
Die ersten zwei Stunden in Vollapathie auf einer dieser Gitterbänkchen verbracht, dann Tucholsky gelesen, small talk, einen Krapfen gegessen, Tucholsky gelesen. Gegen halb 11 fährt der F. vorbei, sitzt im Wagen drei, ich renn also vor, klopf an die Scheibe, glaube in seinen Augen für Sekunden den bitteren Funken der Unumgänglichkeit der auf ihn wartenden Vorlesung zu erkennen, winke andächtig, weg ist er. Sonntag, dann wieder. Im Anschluß geh ich zum Augenarzt, der mir sagt, dass rote Äderchen im Auge normal sind, ich soll die Linsen nicht so oft tragen. Seine Praxis ist ziemlich das loungigste was man an Arztzimmern vorfinden kann. Ich glaube, das war mal ne Loft, in die er ein paar Designermöbel gestellt hat und eine plaudernde Sprechstundenhilfe vorne in den Empfang. Es war auch überaus leer und aus einem Lautsprecher hat Jamiroquai rausgedüselt. Der Doktor war dann auch tatsächlich knapp 31 und einer, der mal keinen Kaffeatem hatte. Im trauten Heim ins Bett gefallen und müßte mich eigentlich darum kümmern, dass ich in die KünstlerSozialKasse komm, so unspektakuläre Tage, was will man mehr?

January 23rd, 2007

Stadtspagat

Love_the_city_023__Custom_.jpg

Eine gute Gelegenheit die vertraute Heimat “neu” zu betrachten ist der Besuch eines Ausländers, mit dem man sich dann durch die Gassen und Winkel der zu besichtigenden City schleusen kann. So heute, mit E. aus Berlin, eigentlich aus der Schweiz, derzeit Berlin. Nach heftigsten Mohnkuchen aus einer Bar im Univiertel in die schneerieselnde Dämmerung der Straßen getreten und Richtung Odeonsplatz gelaufen. Vorbei an ausrangierten Wäschereien und stillgelegten Running Sushis noch einen beträchtlich andersgearteten Laden entdeckt: Innerhalb des Verkaufsraumes hockt ein alter, olivehäutiger Mann auf einem abgesessenen Bürostuhl über einen Perserteppich gebeugt, die gewebte Verschlissenheit ausbessernd.
Der Teppich wird gewissermaßen von einem Grundgerüst zusammengehalten, einem Skelett von Garnsträngen, auf die Knoten um Knoten die bunten Fäden eingeknüpft werden, wochenlang in Handarbeit. Die Finger des Alten tragen tiefe Furchen, scheinen gegerbt von der Hitze, der mangelnden Luftfeuchtigkeit eines fremden Landes, sie springen blitzschnell von einem Strang zum nächsten, knoten die braunen Punktierungen in das Ornament des wuchtigen Teppichs. Fasziniert drücken wir, noch auf der Straße stehend, unsere Gesichter an das Schaufenster, ich versuche ein Bild, der Besitzer des Ladens steht plötzlich neben uns, bittet uns herein.

Der Besitzer: “Kommt rein. Macht die Fotos von drinnen. Papa, Besuch, Journalisten und Fotografen für dich.”
Der Alte: “Woher kommen Sie?”
Ich: “Aus Deutschland.”
Der Alte: “Sie sehen nicht so aus.”
E: “Ich komme aus der Schweiz.”
Der Alte: “Dann sind sie eine reiche Frau.”
Der Besitzer: “Papa. Und wir Perser sind eigentlich alle Ölscheichs und machen das nur zum Spaß.”
E: “Reich bin ich nicht, aber ich habe immer die Taschen voller Schokolade.”
(greift in die Tasche, hat zufällig wirklich eine aus der Schweiz dabei und schenkt sie dem Alten)
Der Alte: “Wir müssen Tee trinken.”
Ich starre auf seine emsigen Finger: “Woher können sie das? Haben sie es sich selbst beigebracht?”
Der Alte lacht: “Wie kann ich mir etwas selbst beibringen?”
Nach einer Weile verabschieden wir uns, mein Kopf ist warm und rauscht, wegen der unerwarteten Freundlichkeit.

Love_the_city_018__Custom_.jpg Love_the_city_013__Custom_.jpg

Weiter zum Sendlinger Tor muß ich schweigend erkennen, dass mein Lieblingsladen, eine alte Seilerei, in der man Taue und Schnüre aufgerollt an massiven Drehkurbeln beschauen konnte, von einer hygienisch hippen Handykette verdrängt wurde. Es ist zum Kotzen. Über die bevölkerten Stände des Viktualienmarkts eumeln, Käse probieren, den Mild-Würzigen nehmen, hebt die Laune wieder. Vor den Metzgereien warten strapazierte Hunde auf die Herrchen drinnen, strecken soweit es nur irgendmöglich ist ohne den angewiesenen Platz zu verlassen, die Schnauze in die auf- und zuschiebenden Glastüren der Wurstparadiese. Leid, sehr leid können sie einem tun. Habe mich jetzt, wos mit der Kohle besser läuft, auf Biofleisch verlagert, da ich ja schon lange der Ansicht bin; wenn morden, dann so schmerzlos wie möglich und nachdem das Gemordete ein respektables Leben hatte. In der U-bahn liest ein völlig versunkener Junge ein Buch am Gleis, man möchte sich an ihn lehnen und mitlesen, so eine Ruhe strahlt er aus. Noch etwas verwundert mich. Eigentlich ist es gar nicht witzig. Also nicht außerordentlich. Nicht so lustig, dass mir einleuchtet, warum ich jedes mal glucksen muß, wenn ich daran vorbeilaufe. Das Gesicht des Typen, dessen Freundin ihm den positiv anlaufenden Schwangerschaftstest zeigt, auf dem Werbeplakat, unserer allseits geschätzten Sparkasse.

Love_the_city_025__Custom_.jpg Love_the_city_039__Custom___2_.jpg Love_the_city_042__Custom_.jpg

January 21st, 2007

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

   Jodel von DanielBenjamin

Auf einmal beim Rennen, um den Bus zu erwischen, merkt man, dass die Beine tun und schnell sind und einen tragen wohin man will. Dass jetzt Jugend ist und die Zeit, das Schicksal zu wählen und alle kommenden Jahre in die Bahn zu kicken, in der sie dann für Lange Lange entlangschippern werden. Und so, mitten im Laufen, die Lunge keucht und brodelt, dass einem die Ohren heiß werden, wird es klar, dass chronische Krankheiten viele Winter entfernt sind und man nun Türen eintreten muß und Geständnisse an den Tag legen soll, für die man sich später an gealterten Abenden mit Wein und Freuden noch lange schämen wird. Und wenn wir jetzt auf die Sicherheit, anstatt auf das Risiko setzen, warum sollten wir dann überhaupt leben, wenn wir nur das tun, was vor uns schon viele Male getan wurde und wir, anstatt Schöpfer zu sein, Wiederholungstäter sind, weit entfernt von Gott, der durch uns in jeder Minute alles neu erfindet?

January 21st, 2007

Lest Tucholsky. Er kann schreiben. Es sträubt einem die Haare von der Menge an Wiedererkennung, Geschwindigkeitswechsel und Pointen. Zugegeben, ich schaue mir auch Castingshows und sonstige Rotze auf Mtv an. Wir wissen es ist Verdummung. Man will ja auch ein bißchen verdummen, um “abzuschalten”, also sich nicht die ganze Zeit mit den eigenen Gedanken herumzuschlagen, denn die sind viele und wollen immer was und sollen endlich die Klappe halten. Deshalb-nichts gegen das BlödmannEntertainment, aber lest Tucholsky. Gesammelte Werke Band 5, von 1927.

January 20th, 2007

Auf der Heimfahrt von der Aufführung….

…ist es dunkel und wegen dem vielen Rumgesinge auf der Bühne sind wir noch ganz high und grölen nochmal die gesamte Drei Groschen Oper in einem Guß durch, besonders die rudimentären, versoffenen Lieder, die einem ein wunderbar schunkelndes weltliebendes Gejaul im Bauch verschaffen, dass man den kompletten Zwist und Neid und die Komplexe und was man sonst immer einander vorzuhalten hat, für diesen einen goldenen Augenblick Leben vergraben kann. Mit einem Mal bin ich froh über die Schusseligkeit und Unzulänglichkeit und was alles nerven kann an mir und an denen und habe großartige Laune und will sie küssen, wie von Wein davongeschwemmt, belasse es dann doch bei einem beseelten Lächeln in die glitzernde Stadt, da draußen, am Ende der Autobahn.