Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

February 27th, 2007

Der Arne ist der einzige Mensch auf der Welt, der sich auch Sorgen um unsere schöne Erde macht. Jedenfalls ist er der einzige aus meinem Freundeskreis, der es sagt. Unsere schöne Erde.
Das ist alles so schlimm.
Wenn ich Enkelkinder habe werde werden die mich auch hassen, weil ich im Theater gespielt habe, anstatt die Welt zu retten.
Und dann sag ich den Satz, den ich neulich von einem Opa in Dachau gehört habe:
“Das hat man nicht gewußt.”
Ja.

February 27th, 2007

Da ist es dann drei Uhr. Man sollte schlafen.
Meine Gedanken sind langsam, ich willenlos, was selten passiert. Kann nur einen Satz in der Minute denken. Schau einen Barokfilm an, dessen Handlung mich nicht interessiert, wegen der Kleider. Ja. Jetzt ist es viertel nach drei. Wenn man willenlos ist und nicht schläft kann man alles anschauen im Zimmer. Dann kommt eine Obstmücke auf die Bettkante. Hä? Warum leben die eigentlich im Februar? Bin auch bißchen traurig wegen nichts. Nur so.

February 25th, 2007

Neuhausen frühstückt Jazz. Es nieselt, aber ist warm, ich streife um die Häuser. Die Webdesigner-, Fluglotsen-, Studentenpapas kutschieren ihre Babies über die Gehsteige, aus dem Ruffini quillt eine Meute von zwanzig aufgekratzten Sektbrunchern, aus den Fenstern hängt Bettwäsche- ach so, es ist Sonntag. Es nieselt stärker, es regnet, ich geh heim. Kaum angekommen fange ich an, mir Sorgen zu machen. Was für eine Lüge. Was für eine Lüge, zu glauben, sich Sorgen zu machen, hätte irgendeinen Nutzen, irgendeinen berechtigten Platz in meinem kostbaren Leben. Jede Handlung, die auf Angst basiert, schädigt mich. Im Callcenter schaut mich meine Chefin schräg an- ich denke, ich muß schneller arbeiten und fabriziere lauter Mist. Eine Rechnung ist höher als erwartet, ich verbringe eine Stunde mit trüben Gefühlen. Ich meine, etwas aus deiner Reaktion herauszulesen, interpretiere und entferne mich. Ein famoser Bullshit ist das einzige Ergebnis meiner Ängste. Während ich meine Haare nach Spliss untersuche, fällt mir Naomi ein, die mich in Tel Aviv am Flughafen abholen wird, Frau O. die einen Abend mit mir Kekse ißt und plaudert, RF., der mich fordert, dass ich ihn manchmal wirklich nicht leiden kann, aber der mich dennoch weiter bringt, als angenehme Zeitgenossen. Ich befinde mich in einem Beziehungsgeflecht von Leuten, die bewußt und unbewußt alles dafür tun, damit mein Leben gelingt, prosperiert, ausschlägt. Ich habe keine Lust. Und ich kann es mir nicht leisten. An dem Überfluß an Freundschaften und Ideen vorbeizusehen, die mich ständig versorgen, baden, hinterfragen.

February 24th, 2007

Wirf dich ins Leben und lebe.
aber sei achtsam.
wenn du nicht liebst,
stirbst du.

(Frederik Jansren)

Nicht nur deine große Liebe.
Nicht nur deine Freunde.
Nicht nur deine ehemaligen Freunde.
Nicht nur deine Kollegen,
nicht nur dein Ausland, deine Krankheit, deine Randgruppe.

Liebe jeden und ringe darum jeden zu lieben
geh allem auf den Grund
grabe deinen Ekel hervor
mach reinen Tisch
erforsche deine Dunkelheit
öffne jedes Zimmer und liebe
dich
mich

(butler)

February 21st, 2007

Mittwoch

Am Kanal überholen mich die Jogger, die Sonne geht unter, die Straße glänzt rosa.
In einem Rollstuhl wird ein zusammengefaltetes Opachen mir entgegen geschoben; der Mann, der schiebt, schaut gerade aus, das Opachen zwitschert mir verschmitzt ein heimliches Hallo zu, dann lauter: “Hallo Hallo Hallo!” Und ich zurück: “Hallo Hallo!” und wir winken uns die Arme aus, bis wir aneinander vorbei sind. Nebenbei sind heute meine Eltern zu Besuch und erzählen allerhand über alternde Familienmitglieder, dass ich mich natürlich gedanklich frage, ob ich meine Eltern pflegen würde. Rumms. Da ist sie- die böse Angst; die eigene Mutter oder Vater in Windeln, will vorgelesen haben, will jetzt ein Eis, will alles. Wehe dem, der jetzt nicht mit seinen Eltern im Reinen ist. Der seinen Groll von einer Stadt in die nächste getragen hat, immer auf der Flucht vor der Konfrontation mit dem Elternhaus, der darf jetzt die und den Alten ins Heim abschieben und hoffentlich vergessen, dass sie dort vernachlässigt in ein Kissen speicheln. Oder sich aufmachen zum großen Comeback, dem Show Down mit dem ursprünglichsten aller Feindbilder, dem Ich und Mama und Papa zusammen in einem Raum. Was wir uns wohl diesmal zu sagen haben?

February 18th, 2007

Es nebelt. Die nassen Wiesen ums Theater liegen im Morgenschlaf. Eine halbe Stunde habe ich noch und nutze sie für einen Besuch bei der Schlammgrube. Die Schweine sind bereits wach und rosa bis auf eines, das auf seiner Wuzhaut zusätzlich noch ganz formidable schwarze Pünktchen trägt. Die Suhle dampft, man schmatzt und wühlt, der Bauer läuft an mir vorbei und sagt Guten Morgen. Seine Frau und er- beide jung und hübsch, stehen im Gras und schauen ins Land. Nichts passiert. Es ist Sonntag.
Reglos, unsensibel aber andächtig verharren nun wir drei vor diesen prächtigen Genossen in der Jauche.
Irgendwann wird ein Sack geöffnet. Körner rieseln in den Hühnernapf. Da pesen 100 Hennen heran. Im Laufschritt! Tempo Tempo! Wer zu spät kommt ist ein Schaf.
Die Säue raunen neidisch aus dem Gatter; Die Chicks sind heut als erstes dran.

Nebenbei frage ich mich, was wohl der Bauer darüber denkt, dass jeden Tag ein anderer aus der Künstlerbande am Schlammloch steht und in die Ferkel glotzt.

Mittlerweile sind die Proben in vollem Gange, auf der Bühne das helle Treiben, in der hintersten Publikumsreihe sitzend schreibe ich, es wird hin und hergerannt, jemand schreit: Ich scheiß dir in die Nase.

Eine nächste Erkundung führt mich in die brokatne Kirche auf einem Hügel. Beim Eintreten ist sie leer. Sogleich werde ich sehr ehrfürchtig, obwohl die nackigen Babies, violetter Stuck und lächelnde Maria eher nach Stillgruppe mit fraglichem Geschmack aussehen. Gerade will ich mich davon machen, da fällt mein Blick auf eine holzverzierte Truhe. Oha- ein Beichtstuhl. Da will ich mich gleich mal reinsetzen. Aha- kein Hocker drin, man muß knien. Es riecht nach Staub und Politur- diese Kirche beichtet selten. Ich geh lieber. Doch nein! Man sollte doch fast einmal ausprobieren, wie sich ein Priester so fühlt. Hinein ins Abteil für den Vater- der hat einen Hocker und Sitzkissen und Lichtschalter. So, jetzt sitzt man da und lugt duch das Gitter zum Sünder hinüber. Mhm, man kann gut durchsehen. Da gibts auch einen Schlitz, wo man einen Zettel durchschieben könnte.
“Tochter, dir sei vergeben. Sei brav. Mäßige deine Glut…” meine Güte, habe ich schlechte Filme gesehen. Plötzlich überfallt mich Angst. Wenn jetzt jemand kommt?! Zum Beichten! Raus hier!

Trottel über die sonnengestärkten Felder. Ich finde Beichten an sich toll. Bloß halt nicht in so einem Schrank bei Wildfremden. Aber bei Janna, S. oder dem Meistro, ah sehr gern. Da wirds gleich viel leichter um die Brust. Da spreizen sich die Sinne, die Knochen jucken, der Geist lacht und dann die Ideen, die man auf einmal kriegt!

February 17th, 2007

Gerade von der Probe zurückgekommen. Der dunkelblaue Himmel riecht nach Frühling und Krokos, dass es einem die Nase bläht. Der Mann im Türkenladen schenkt mir zwei eingelegte Zwiebeln, die kommen jetzt in mein Couscous, ich freue mich. Was habe ich mir nicht Arbeiten am Wochenende immer schlimm vorgestellt. Wahrscheinlich hatte ich die falsche Arbeit. Jetzt habe ich manchmal Montag frei oder sonstwann. Aber es ist okay.

February 14th, 2007

VW-Bus

Wir fahren mit einem. Wer jetzt an Nostalgiefarben, Vorhänge, zerschlissene Sitze und mit 70 km/h auf der rechten Spur denkt hat sich geschnitten. Piekfein ist unser Bus, keine 5 Wochen aus der Presse, silbergrau, mit seperat regulierbaren Heizungen für die drei Sitzreihen und heißt: Emmanuel. Unser Tourbus. Auf Emmnauel ist Verlaß, es ist windig, er ist  schnell und weiß wie der Hase läuft. Wir fahren lange, ich schau zu den Kollegen, die geistesabwesend aus dem Fenster gucken, Toffifee essen oder Rohkost und lesen. Aus dem Laptop reibt die Knef einen Song nach dem andern. Da rollen wir schon auf die Raststätte zu. Was haben wir denn da. Unsere Lieblingstoiletten. Man unternimmt den hundertesten Versuch durch die 50 Cent Schranke zu büchsen ohne zu bezahlen. Diesmal klappts nicht, ein dicker Drache mit Kurzhaarschnitt wacht an den Pforten der Bedürfnisanstalt und wirft sein böses Auge auf uns, ein Heftchen Kreuzworträtsel lösend, aber nur als Tarnung.

Dann die Schule. Aufbau. Die dortigen Toiletten inspizieren, Automaten suchen, herumschnüffeln. Ich singe mich ein. Zwei Mädchen treten in den Raum und bleiben glotzend stehen. Glotzend verwende ich in diesem Fall als angenehm empfundene Unverfrorenheit, wie sie nur junge und unbedarfte Wesen an den Tag legen. Sie sehen sich ähnlich, erklären mir auf meine Frage hin, dass sie Cousinen sind und 15. Ich interessiere mich für ihre Haarfärbetechnik und ob sie schwänzen oder warum sie nicht in ihrer Klasse sind. Aus zwei kleinen Teenagermündern perlt abwechselnd folgende Geschichte;

A: unser Ethikunterricht ist für drei Tage auf so Besinnungstagen.
B: Wir haben kein Geld
A: Unsere Eltern erlaubens nicht
B: Weil es voll teuer ist
A: Für nur zwei Tage
B: Eigentlich sollten wir jetzt in einer anderen Klasse sein
A: Aber niemand merkts wenn wir nicht da sind.

Weil sie mich beim Singen erwischt hatten stellen sie mir dann Fragen wie Dieter Bohlen. Dann soll ich vorsingen, irgendwas, dann Hip Hop (kann ich nicht), dann Pop (kann ich) dann irgendwas (kann ich). Später als wir spielen seh ich sie in der hintersten Reihe sitzen. Die eine hat den Kopf auf die Schulter der anderen gelegt und schläft. Naja. War wohl nicht die Show ihres Lebens.

February 11th, 2007

Think Pad und Vorbereitungen zur Freiberuflichkeit

Ich liebe meinen Laptop. Er ist ein richtig alter Sack. Er ist so geil unhip schwarz und kann viel und heißt Think Pad, was auch ein unglaublich häßlicher Name ist. Ich hab mir schon mal überlegt, wenn ich reich wäre, ob ich mir einen rotlakierten oder in grün kaufen würde, ob ich mir dann sehr geil vorkommen würde wenn ich ihn auspacke in einem Cafe, wo alle einen weißen haben und ob ich mich nach zwei Wochen doch dafür schämen würde und es als Fehltritt betrachte und dann würde ich es wahrscheinlich aktzeptieren und mir wieder geil vorkommen. So Überlegungen habe ich mir überlegt, für falls ich mal reich wäre.

Die Proben für Figaros Hochzeit laufen. Ich muß mal fragen, ob wir auch Perücken tragen dürfen. Eine Zuckerwattenhaube auf dem Kopf und vielleicht auch ein erhabenes Muttermal auf der Wange- das wär doch was! Morgen werde ich aber erstmal um 4 aufstehen ( ich schreibe 4 extra, als Zahl, so wie sie auf der digitalen Anzeige des Weckers erscheint) und zum Einkaufszentrum fahren und zählen wieviel Leute dort in den Bus einsteigen. Wahrscheinlich tausende. Um 8, wenn dann das Einkaufszentrum aufmacht, geh ich mal aufs Klo. Alles für das liebe Geld. Hatte ja vor einer Woche meine halbjährliche exestentielle >das Geld wird nicht reichen>ich kann die Versicherung nicht bezahlen> wenn mir jetzt was passiert wird mich kein Krankenhaus zunähen> Panik. Gott sei Dank legt sich das dann wieder mit Hilfe des Erwähnten und S. und dem Grips von mir, der sich nach zwei wachen Nächten  wieder einschaltet. Das wichtigste ist, dass ich jetzt wieder für ein halbes Jahr guter Dinge und angstfrei, frohgemut, nicht versichert, aber bestens gelaunt durch Münchens Straßenverkehr spaziere und jedem auf mich zurasendem Auto meine Ich bin unverwundbar Energiebällchen an die Windschutzscheibe rieseln lasse und weiterlächle. Hahaha.

Und wer so eine dünne Suppe glaubt, der kennt mich nicht! Nein- ich informiere mich sachkundig bei AOK, BKK, Barmer und Farmer was sie mir denn so zu bieten haben, lehne dies und das dankend ab und entscheide mich für preiswert ohne Label. Alles in allem bekommt man am Ende immer was man will, solange man in einer Industrienation lebt, die andere Nationen ausbeutet und das ist eine Scheiße, die mich jetzt schon wieder so depressiv macht, dass ich ins Bett gehe und morgen weiter drüber nachdenke an der Bushaltestelle vor dem  Münchner Einkaufszentrum.

February 10th, 2007

Man wird traurig, wenn man Leute trifft, denen man ansieht, dass sie an die 300 mal zu je 45 Min. unter dem Turbobrenner des lokalen Sonnenstudios lagen.

Man wird heiter, wenn man auf die U-Bahn wartet und ein Rollstuhlfahrer, inbesondere wenn er einen Elektrischen fährt, pest über den Bahnsteig, dass man sich auf seinen Schoß werfen und mitrasen will.

Man wird nachdenklich, wenn man an einem blauen Morgen spazieren geht und eigentlich gar keine Sorgen hat und auf Exiliraner stößt, die gegen Exekutionen und das totalitäre Mullah-Regime in ihrer Heimat demonstrieren.

Man wird weich, wenn ein alter, mächtiger Mensch sagt: “Ich bin schuld.” und Reue zeigt und es ungeschehen machen will.

Man wird eines Besseren belehrt, wenn man dachte, man kriegt immer nur liebe Mädchenrollen und dann einen baroken Drachen spielen darf.