Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

September 27th, 2007

Portugiesische Gelage

Pünktlich zum Oktoberfest startet die Flutung der Stadt mit eigentümlichen Sehenswürdigkeiten. Ein Dirndl kostet jetzt nicht mehr 159 Euro sondern 39, optional neonfarben und kurz genug, um leicht übergewichtigen Teenagerpopos Kühlung zu verschaffen nach den langen Stunden auf durchgebogenen Bänken im Zelt. Nicht allein die Popos interessieren mich, sondern auch der rotbackige Gemeinschaftsgeist, der auf Kommando allerorts ersteht und wieder, wie im Geschichtsunterricht vor zehn Jahren überfällt mich dieses wohl bekannte Grauen mit der Frage: Wie konnte das alles nur geschehen?
Glücklicherweise ist es diesmal nur der Alkohol und keine Ideologie, dennoch rumort es in meinem Bauch und lasse mir aber nicht den Apettit verderben, mal ganz beiläufig über das Volksfest zu schlendern.
Werde keine gute Figur machen dabei. Bin ein bißchen zu mager, um als Einheimische durchzugehen und schaffe es auch nicht (trotz halber Liter Roter vorher) einen Rock mit Schürze anzuziehen. Laufe also, man könnte sagen, provozierend saupreusisch durchs Gemenge, bahne mir den Weg zum Mäusezirkus, von dem ich gehört habe, er soll gut sein.
Im Mauszirkus ziehen zwei Mäuse eine Kutsche und die dritte sitzt in der Kutsche, wie in dem Aschenputtel Bilderbuch, nur dass da die Cinderella in der Kutsche saß. Gleich werde ich S. und Susi und vielleicht Nina treffen und mit Marken von einem der Beziehung hat, Freibier und gebratene Enten kriegen und denk immer an Bruce, wie er während der Schauspielschule sagte: Angucken,merken, am Montag nachspielen.
Da war mir unser Besuch letzte Woche schon lieber. Es ist nämlich wieder eine unserer Freundinnen einem Portugiesen in die Hände gefallen, er ist sanft und lustig und sieht aus wie man es sich vorstellt und heißt Miguel. Dieser Miguel hat also bei uns gewohnt und plötzlich auch noch ein Australier und ein Brasilianer (zur Wiesn hat man viele Freunde). Anita und ich konnten wieder unsere Turbogastfreundschaft unter Beweis stellen, noch während die unerwartet Hereingebrochenen in der Küche einen heiß gebrühten Latte Macciatto tranken, rissen wir Bettzeug von vier Matratzen, spannten im Zweier neue Laken drauf, versteckten Unangenehmlichkeiten unter Schränken und Vorhängen, warfen je ein frisch gewaschen und gestärktes Handtuch auf Kopfkissen, um 2 Minuten später die Touristen ins “Gästezimmer” zu bitten.
Jedenfalls haben wir mit Miguel einen schönen Abend bei uns zu Haus verbracht und gesungen und Anitas Kopf immer auf dem Tisch weil sie wenig verträgt und Miguel sehr gelacht über das Wort Kakerlake.

September 19th, 2007

um 16:30 Uhr trinke ich am Bahnhof einen Kaffee und 75 Euro sind heute schon verdient. Rein in die U, Kopf tief in die Zeitung, versuchen nicht die vielen Gesichter mit ihrer fürchterlichen Bedürftigkeit zu sehen (kannst mir nichts vormachen trotz Prada – es ist zum Heulen) im Laufschritt zum Wettersteinplatz, dabei Atemübung und runter ins Kellerloch – Unterricht bei E – die Wände anschreien, Kritik bekommen, zwei Drittel der 75 Euro blechen, ab nach Hause. Sekundenverzweiflung, sagen: “ich hab kein Bock mehr -scheißt der Hund drauf” halbe Stunde jammern, essen kaufen gehen, essen, Jammerstop. 3 Gedichte Lasker Schüler, ganz heiter werden, größenwitzige Gefühle und auf einmal müde. 22:50 Radiosendung für morgen vorbereiten – ich hätte früher anfangen sollen, hoffentlich hat sich L gut vorbereitet- 23:05 Nichts geht mehr, L wirds schon richten. 24:05 Schlechtes Gewissen verabschieden, auf Eingebungen hoffen, träumen dass ein Popstar in die Stadt kommt und es ist David Pierce – Catrin findet es super und Benni ist sauer.

September 12th, 2007

Mittwoch

Wenn man wenigstens einen Menschen hat, mit dem man durch die Dämmerung laufen und ….aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar… gut finden kann, ist man reichbeschenkt und die Woche gerettet. Danke N.
Zur gleichen Zeit sitzt Janna im Spagat in einer Hamburger Wohnung, steckt ihren Kopf in ein Buch namens “Kleine Geschichte der Philsophie”, was überhaupt kein kleines, sondern ein dickes Buch ist und versucht zu verstehen. Können S. und ich dich am 18.12 besuchen? Wir werden in Hamburg sein. Nebenan sieht sich die wg desperate housewifes an. Oder grace anatomy? Oder was ist gerade modern? Auf jeden Fall etwas, das man immer guckt und weswegen man ins Wohnzimmer rennt, wenn die andern schreien: Es geht los!
Zu guter letzt ich; habe heute nachmittag von Ausschwitz geträumt und die Nacht davor auch und werde jetzt eine Pause mit der Kriegslektüre machen. Irgendwie wäre es nicht so schlimm, wenn es vorbei wäre. Aber irgendwo, wo ich nicht wohn, passieren die gleichen Sachen in Varitionen und wenn man viel denkt und wenig tut wird das Herz schwer. Und lahm.
Habt ihr auch schon mal drüber nachgedacht, warum Bonhoeffermit mit 36 Jahren eine Freundin hatte, die 18 war? Ich dachte bis jetzt immer, neben dem ganzen positiven Widerstandskram und seinem Hyperintellekt war er halt doch ein ekelhaftes Schwein. Hab jetzt gelesen, dass sie aber auch nicht ohne war und ihn sehr gefordert hat und er davor wegen dem emotionalen Verschluß und Professor sein usw gar nicht wirklich beziehungsfähig war. Außerdem hat sie später eine Computerfirma in der USA geleitet, aslo kann sie nicht so eine blöde Puppe gewesen sein. Hat mich also insgesamt beruhigt und kann wieder ernst nehmen, was er geschrieben und gemacht hat.  Konnte ich davor auch, aber da war halt immer dieser Beigeschmack.

September 9th, 2007

Webrahmen

Weiß gar nicht ob es diese Textiles -Werken -Trainingsgerätschaften noch gibt in sekulären Kindergärten oder nur die Kordhosenhalbtagsgruppen der 80er damit ausgestattet waren. Jedenfalls erinnere ich mich lebhaft an eine Kiste Wollknäul, den Rahmen, mich und die Tante Frau Hertel, die sagte: “Heute darfst du weben.”
Habe dann schnurstracks vier oder fünf von diesen nutzlosen Miniaturteppichen fertiggewebt, von denen einer als Umhängetasche verarbeitet wurde, die restlichen als Zierdecken auf Kinderzimmerkommoden ihrem ökologischem Verfall harrten. Wie kommt es also, dass ich ausgerechnet heute, nachdem ich beim Frühstück von der Ermordung des usbekischen Theaterregisseurs und Regimekritikers Mark Weil vor seiner Wohnung in seiner Heimatstadt Taschkent gelesen habe, dringend einen Webrahmen und Knäulkiste herbeiwünsche. Muß daran liegen, dass einer der Tage ist, an dem ich nicht damit zurechtkomme, dass alles was mit Grips und Verantwortungsgefühl gesegnet ist, von irgendwelchen Blödmännern über den Haufen geschosssen wird, verdammte Scheiße.

September 8th, 2007

Für meinen Fahrschullehrer, der mir vor 9 Jahren Auto fahren beigebracht hat. Ich bin dir immernoch dankbar.

Gestern 13 days gesehen. Film über die Kubakrise. Mühselig. Oh ja – ganze drei Stunden quälte sich eine hochschwangere Symbolik durch den Streifen und platzte dann endlich kurz vor Schluß mit einem bombastischen  ÄWhrrrr  die Soße über die bereits vor Stunden eingeschlafenen Zuschauer raus. Dennoch immer wieder viel Freude beim Anschauen schlechter Filme und draus lernen, was man nicht machen sollte, sollte man ausversehen mal Regisseur werden.
Ein famoser Tag ist heute und an den Regen habe ich mich jetzt auch gewöhnt und bin versöhnlich mit mir und allem. Sehr stolz, weil ich die Hälfte vom Samstag produktiv war und wünsche, es könnte immer so sein.

Oh mann, ich komme mir wirklich sauproduktiv vor.

September 6th, 2007

Während der Arbeit fast wahnsinnig geworden. Authistische Körperpartienbewegung nach einer Überschreitung der 7Stunden Maixumgrenze im Callcenter: Kopfwippen, Schädeldeckefesthalten, Starren.
Es ist nicht gut Geld zu verdienen und sich dabei zu langweilen.
Es nicht gut, einen langweiligen Job zu brauchen, weil er freie Zeiteinteilung bietet.
Nicht gut, wenn zwei von den zwei oben genannten Grundsätzen in meinem Leben gleichzeitig wirken.
Desweiteren ist Bitterschokolade erst Bitterschokolade, wenn sie bitter ist wie die Arznei aus einem illegal gebrannten Kräuterschnaps, der in einem finnischen Faß fünf zermürbende Jahre lang auf sein Opfer gewartet hat. Heute endlich eine solche Bitterschokolade gegessen. Schmerzhaftes Zusammenziehen in Mundhöhle und Rachenraum, hinterher sehr belebt gefühlt. Dankbar, weil ich noch lebe. Bei dem Regen kommen einem die ganze Zeit traurige Geschichten und der Ordner in der Datei`traurige Geschichten´ ist schon ganz voll und es macht keinen Spaß.
Gute Bücher helfen über den vorschnell abhandenen gekommenen Sommer hinweg, aber was passiert wenn es jetzt immer so weiter geht und dann bis Mitte November keine guten Bücher mehr übrigbleiben?Das ist alles traurig und morgen muß ich wieder ins Callcenter und es macht keinen Spaß.

September 1st, 2007

Hrocha

In Tschechien gewesen. Hinter der Grenze ein Kurort mit vier Brunnen für Gelenkschmerzen und Wald. Im Wald verloren gegangen mit Janna. Sehr weit gelaufen. Harz von den Bäumen gepopelt, an die Hände geschmiert und dran gerochen. Zwischen den Fichten gestanden und ins Dickicht geglotzt. Zu alleingelassenen Bahnstationen des Kommunismus gekommen. Aufflammende Verzweiflungsgedanken wegen anhaltender Orientierungslosigkeit.  In einem Dorf nach der Busstation gefragt. Gelächter von Seiten der rauchenden Männer, dann doch eine Auskunft. Auf tschechisch bedankt und überhaupt dauernd versucht meine fünf tschechischen Worte an die Einheimischen anzubringen. Entdeckt, dass ich schlimme Beklemmung kriege, wenn Tschechen deutsch sprechen und befürchte, dass sie mich hassen.  Deswegen noch mehr bei jeder Gelegenheit meine fünf tschechischen Worte angebracht. Müde mit dem Bus zurück in den Kurort. Viele Palatschinken gegessen. Einen Uhu gehört. Viele Palatschinken gegessen.
Bei Einbruch der Dunkelheit in der Wandelhalle nahe der Brunnen gewandelt und gesungen, weil kein Mensch da war weil um zehn alle schlafen wegen der Kur. Laut gesungen und sehr erstaunt über das Alleinsein, bis auf Janna.
Sozusagen also gekurt sechs Tage lang. Torte gegessen. Häufig. Am dritten Tag kam ein Circus in die Stadt. Der Karren ist durch die Straßen gefahren mit Lautsprecher und Plakat:

Circus = Klauny, Artisty, Balet, Fakiry, Tygry, Hady, Krokodyly, Hrocha. (Hrocha sind Nilpferde und Hady sind Schlangen)