Ich erzähle von Frau Schmyck. Sie heißt nicht wirklich so, doch ihr echter Name erzeugt lautmalerisch etwa die gleiche Wirkung, die Schmyck hervorruft.
Frau Schmyck war Soubrette an der Oper. Zwei Jahre. Dann die Kriegswirren, eine miserable Ehe und zwei entfremdete Söhne.
Sie lebt im vierten Stock eines hohen Hauses; ihre japanischen Vasen hat sie bereits verschenkt, sie rechnet damit bald zu sterben…
Ein auf zwei Tassen geschrumpftes Teeservice hat sie behalten. Aus hauchdünnen Porzellanschalen trinkt sie schwarzen Tee mit wenig Milch. Seit drei Tagen kann sie nicht mehr essen. Wenn sie es doch tut erbricht sie Magensäure. Sie trägt nur noch blickdichte Strumpfhosen, wegen der geschwollenen Beine – “das muss man nicht zeigen”. Ihr Gesicht ist sehr dünn, zum Durchfassen, auch ihr Hals und die zarten Gliedmaßen.
Wohnen gegen Hilfe heißt, dass Studenten bei älteren Menschen umsonst leben können. Im Gegenzug kaufen sie ein, begleiten zum Arzt und unterhalten jemand, der sonst mangels Angehöriger vereinsamt wäre.
Frau Schmyck wohnt mit so einer Studentin zusammen. Als ich die beiden an einem Nachmittag zusammen erleben kann, bin ich erstaunt, welch ungeheuchelte Zweck-Sympathie-Beziehung sich da hinter den Fassaden der sechziger Jahre Bauten in unpräsentierter Schönheit eingesiedelt hat.
Eine Philosophiestudentin aus einem fernen Land, die in ihrem Zimmer in Frau Schmycks Wohnung an einem schmalen Schreibtisch ihrem Magister, später dem Doktor und schließlich ihrer Habilitation entgegenarbeitet, deren Stimme verhalten und weit oben im Kopf sitzt, deren Kleidung durch gepflegte Unscheinbarkeit praktisch keine Erinnerung hinterlässt, die aber durch ein großes Maß an Empfindsamkeit und Selbstbewusstsein, insbesondere wenn sie über Immanuel Kant spricht, einer ganzen Legion von gebrechlichen Senioren Vertrauen einflößen kann.
Dieser Studentin und Frau Schmyck sitze ich also in einem Sofa gegenüber, esse Keks, bin sehr beschenkt und frage mich, warum es eigentlich immer so ist, dass, hat man einmal den Entschluss gefasst, etwas „Gutes zu tun“ das Gute sich nicht lumpen lässt und einen mit einer fast zu schwer geratenen Ladung Glück nach Hause schickt.





