Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

January 31st, 2008

Ich erzähle von Frau Schmyck. Sie heißt nicht wirklich so, doch ihr echter Name erzeugt lautmalerisch etwa die gleiche Wirkung, die Schmyck hervorruft.
Frau Schmyck war Soubrette an der Oper. Zwei Jahre. Dann die Kriegswirren, eine miserable Ehe und zwei entfremdete Söhne.
Sie lebt im vierten Stock eines hohen Hauses; ihre japanischen Vasen hat sie bereits verschenkt, sie rechnet damit bald zu sterben…

Ein auf zwei Tassen geschrumpftes Teeservice hat sie behalten. Aus hauchdünnen Porzellanschalen trinkt sie schwarzen Tee mit wenig Milch. Seit drei Tagen kann sie nicht mehr essen. Wenn sie es doch tut erbricht sie Magensäure. Sie trägt nur noch blickdichte Strumpfhosen, wegen der geschwollenen Beine – “das muss man nicht zeigen”. Ihr Gesicht ist sehr dünn, zum Durchfassen, auch ihr Hals und die zarten Gliedmaßen.

Wohnen gegen Hilfe heißt, dass Studenten bei älteren Menschen umsonst leben können. Im Gegenzug kaufen sie ein, begleiten zum Arzt und unterhalten jemand, der sonst mangels Angehöriger vereinsamt wäre.
Frau Schmyck wohnt mit so einer Studentin zusammen. Als ich die beiden an einem Nachmittag zusammen erleben kann, bin ich erstaunt, welch ungeheuchelte Zweck-Sympathie-Beziehung sich da hinter den Fassaden der sechziger Jahre Bauten in unpräsentierter Schönheit eingesiedelt hat.
Eine Philosophiestudentin aus einem fernen Land, die in ihrem Zimmer in Frau Schmycks Wohnung an einem schmalen Schreibtisch ihrem Magister, später dem Doktor und schließlich ihrer Habilitation entgegenarbeitet, deren Stimme verhalten und weit oben im Kopf sitzt, deren Kleidung durch gepflegte Unscheinbarkeit praktisch keine Erinnerung hinterlässt, die aber durch ein großes Maß an Empfindsamkeit und Selbstbewusstsein, insbesondere wenn sie über Immanuel Kant spricht, einer ganzen Legion von gebrechlichen Senioren Vertrauen einflößen kann.

Dieser Studentin und Frau Schmyck sitze ich also in einem Sofa gegenüber, esse Keks, bin sehr beschenkt und frage mich, warum es eigentlich immer so ist, dass, hat man einmal den Entschluss gefasst, etwas „Gutes zu tun“ das Gute sich nicht lumpen lässt und einen mit einer fast zu schwer geratenen Ladung Glück nach Hause schickt.

January 31st, 2008

Usbekistankanne_076.jpg

Habe gestern Nacht die Geschichte des Russlandfeldzugs gelesen. Auch die Karten angeschaut. Bei mir ist, seit ich eine Teekanne aus dem Schrank meiner Eltern entwenden konnte, wieder Usbekistannostalgie angesagt. Nostalgie ist meiner Mutter übrigens sehr verhasst, vor allem bei Leuten, die, wie sie sagt, keine Ahnung haben (ich)
oder eigentlich Ahnung haben müssten (andere). “Dann sollen sie halt zurück gehen, wenns so toll war”, sagt sie wutentbrannt. Das darf sie auch sagen, weil sie Ahnung hat und damit ein Urteil über Zustände und Wahrnehmung.
Dafür geht ich jetzt zu Frau Schmyck und lass mir eine Geschichte aus Oberschlesien erzählen und das ist auch was.

January 28th, 2008

great lake swimmers

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January 26th, 2008

denn jedes Herz bildet sich ein, zu allererst von einer Menge Dingen berührt worden zu sein, die doch schon die Herzen der ersten Menschen bewegten und noch die der letzten bewegen werden.
(Guy de Maupassant)

January 25th, 2008

Vergiftet

Einen Ausschnitt der Zeit-Ausgabe vom letzten Donnerstag:

…Bis an die Grenze des Erträglichen ging Koch erst damit, dass er die ausländische Herkunft der Jugendlichen so penetrant ins Zentrum stellte. Doch selbst das überbot er noch, als er am Ende sinem Wahlkampf einen generell ausländerfeindlichen, demagogischen Sound unterlegte, der sich ins Unterbewußtsein der Wähler fressen sollte. Das zeigt sich in der Formulierung, er lasse sich von “Türken-Vertretern” nicht den Mund verbieten. Diese “Türken-Vertreter” sind überweigend deutsche Staatsbürger. Es handelt sich bei ihrer Kritik also nicht, wie der Begriff suggeriert, um eine Einmischung von außen, sondern um eine innerdeutsche Debatte, mithin um etwas ganz und gar Legitimes.
Endgültig offen zutage trat die Absicht Kochs, an ausländerfeinlidhce Instinkte zu appellieren, als er ein -scheinbar- anderes Wahlkampfthema anschlug: die vermeintliche Gefahr einer rot-rot-grünen Koalition in Hessen. Das neue CDU-Plakat schrie: “Links-Block verhindern! Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!”
Kommunisten, die kennt man, Ypsilanti mittlerweile auch. Doch, so werden sich selbst in Hessen viele fragen, wer ist bloß dieser Al-Wazir?
Nun, der Mann heißt mit Vornamen Tarek, er ist der Spitzenkandidat der hessischen Grünen und wenn er Müller, Meier oder Koch hieße dann stände da: “SPD, Grüne und Kommunisten stoppen!” Weil der von einem jemenitischen Vater abstammende Al-Wazir aber einen fremdländisch klingenden Namen trägt, wurde er und nicht seine Partei auf das Plakat gebannt. Ypsilanti, Al-Wazir und Kommunisten- wenn da mal nicht eine gefährliche Überfremdung des deutschen Bundeslandes Hessn droht -, das ist die gar nicht so unterschwellige Botschaft der Hessen CDU. Sie kombiniert Fremdenfeindlichkeit mit Diffamierung des politischen Gegners und das ist, ohne Umschweife gesagt: eine Schweinerei.

Es geht Koch aber nicht nur um Jugendkriminalität oder um ein Linksbündnis, es geht ihm jetzt vor allem um eins: darum, “die da” von “uns hier” abzugrenzen. Es geht ihm, kurzum um Feindschaft.
Erstaunlich daran ist, dass ein CDU Mann der Nach -Kohl -Ära ein solch ausgeprägtes Feindbild in sich trägt, nach dem Motto: Wenn die eigene, die gute Seite in der Defensive ist, dann sind alle Mittel erlaubt, seien es anonyme Spenden oder hinterfotzige Diffamierungen.
Das Denken in Freund-Feind-Kategorien kann eine stabile Demokratie verkraften, jedenfalls solange es nicht zu mächtig wird. Mächtig wird es dann, wenn es Erfolg hat…
Wer glaubt, die Demokratie sei in unseren Breitengraden nicht wirklich in Gefahr, wer meint, die hiesigen Mittelschichten würden schon die Contenance bewahren, der schaue sich in Europa mal ein wenig genauer um…

January 24th, 2008
January 20th, 2008

neu hausen in Neuhausen

Finnally. Wir waren bei dieser Wohnung. Es war später Abend und mir mittlerweile alles scheißegal. Wir waren pünktlich, haben mit der Maklerin und dem Typ der da noch drin wohnt Quatsch gemacht und nichts erwartet. Die anderen Wohnungsbesichtiger, Mitbewerber haben sich quasi selbst eliminiert, in dem sie tausend Fragen stellten, auf die die Maklerin und niemand kurz vor Feierabend Lust hat.
Tags darauf rief mich die Frau an und sagte, wir waren ihr am symphatischsten, sie empfiehlt uns der Vermieterin. Heute also das Gespräch mit der Vermieterin, eine Frau Dr. Doppel – Name, gebürtige Münchnerin, die einen gleich mit du anredet, einen Leopardenpelz und Federhut trägt. Entgegen des gewohnten Sicherheitswahnsinnns wurden wir so gut wie gar nicht gefilzt, unsere Nachweise konnten wir stecken lassen, lediglich bei Herr S. in der Arbeit haben sie einmal angerufen, um zu wissen ob da wirklich ein Herr S. arbeitet. By the way ist an all dem Schäuble und die CSU Angstpropaganda schuld. Und Udo Jürgens, der sich in der Bild äußert: “Kriminelle Ausländer wollen wir hier nicht haben.” In solchen Momenten wünsch ich mir einen dicken Edding herbei, um unter seine hässliche Visage ein: Schlechte Sänger wollen wir hier auch nicht haben. zu setzen. Jedenfalls zeigt sich unsere Vermieterin unbeeindruckt von Volksverhetzung und ging nach wenigen Minuten zur Unterschrift über.

Es ist nun folgendes zu sagen:
Wir haben 93 qm.
Wir brauchen einen Kicker,
ein Klavier, eine Katze
und 12 Paletten.

Es ist ein Seitenarm der Donnerbergerstrasse, nicht da wo Vinka wohnt, sondern andere Seite.

January 17th, 2008

Wir suchen immer noch eine Wohnung

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Herr S. ist etwas optimistischer als ich.

January 14th, 2008

  • “Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muß also andere unglücklich machen.” – Weltgeschichtliche Betrachtungen, 1905
  • “Aber so wenig als im Leben des Einzelnen ist es für das Leben der Menschheit wünschenswert, die Zukunft zu wissen.” – Weltgeschichtliche Betrachtungen

(Jacob Burckhard)

January 14th, 2008

In Liebe Beirut. Süchtig werden innerhalb von Sekunden.

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