Man ist nun also in eine Riesenwohnung eingezogen, hat einen Job (Herr S. hat einen Job) und lag 10 Tage fast bewegungslos im Bett. Man verspürt im Zuge der sich ausbreitenden Sicherheit, Stabilität und verstreichenden Zeit gewisse Zweifel an dem young urban professional people homestyle inclusive moderner Malerei, minimalistischer Einrichtung und keiner Kinder.
Gestern, auf dem Höhepunkt meiner Zweifel, unterließ ich es für einen Tag die Haare zu waschen, zündete die Weihrauchstäbchen aus der alten Kiste an, wickelte mich in eine Decke und meditierte über dem was unter dem Label “dein neues Leben” über mir hereingebrochen ist.
Mit Heinrich Heine formuliere ich es mal so: Kann ich der Prämisse nicht widersprechen: dass alle Menschen das Recht haben, zu essen, so muss ich mich auch allen Folgerungen fügen.
Bei Heine führt diese Folgerung zu dem Schluß: In einer Welt voller Übel und Ungerechtigkeit ist es ein elitärer Luxus, sich mit seiner Poesie auf eine Insel der Seligen zurückzuziehen.
Letztlich schafft es Heine, der Karl Marx (Heines politische Schwächen werden von ihm mit Nachsicht beurteilt) nahe stand, doch nicht, ein rechter Kommunist und dienstbarer Schreiber zu werden.
Was hat das mit mir zu tun?
Mir sind die Kommunisten egal, genauso wie Heine und der Rest toter Geistesartisten.
Was mich nicht mehr ruhig schlafen läßt, ist die Frage, was ich tun kann, über den zweiwöchentlichen Besuch bei Frau Schmyk hinaus?
Selbstverständlich hat das alles mit der Fragilität meines Gewissens zu tun und dass ich als Kind meine Familie retten wollte und einen Knax habe und blablabla… was letztendlich jedem Empfänger von Hilfe scheißegal sein wird, ob ich nun astreine Motive oder ein eine unbearbeitete Megamacke hab.
Herr S. dazu sagt: Das sind Gedanken eines arbeitslosen ….
Was ich nicht bestreite.
Ich kann sehr klar sehen, dass eine alleinerziehende Mutter oder Vollzeitbeschäftigter sich einen Dreck um Afrika scheren können, weil sie abends viel zu müde sind und selber Hunger haben. Dennoch, und da bin ich mir sicher, wird auch für Herr S. der Tag kommen, an dem er arbeitslosen Fragen nachhängen kann und dann froh ist über eine so verständige und nicht verurteilende Veronika (glühende Kohlen auf sein Haupt, hehe)
Gegen Abend des gestrigen Tages kündigten sich dann sehr zaghaft ein paar Fortschritte an: Zuerst laß ich in einem Blog von Jannas Freunden und deren Freunden in Portugal, die ein Stück Land kaufen müssen und Geld brauchen. Schnell hatten wir uns überzeugt, Geld zu spenden. Dann kam Herr S. vom Müll raus bringen zurück und hatte im Trepenhaus in der Buchverschenkbox ein -Welt retten für Einsteiger- Buch gefunden, dass nur Tipps hatte, die wir eh schon fast alle befolgen, mich aber trotzdem ermutigte. Dann sprachen wir eine Weile über amnesty und er fand eine Seite namens intelligent giving, auf der einem auch wertvolle Ratschläge gegeben werden über den Umgang mit Leuten, die einen auf der Straße um Geld bitten und noch viel wichtiger: wie man was unterstützen kann auch ohne den Papiermammon. Zum Beispiel kann man für eine Afrikahilfe einen Tag in der Woche von zu Hause aus research machen oder Organisationen anfragen usw.
Denn es geht ja nicht um Geld. Überhaupt nicht. Sondern mein Leben und ob die einzelnen Handlungen aneinandergereiht etwas anderem außer meiner Selbstverwirklinchung dienen. By the way bin ich für Selbstverwirklichung und soweit ich Jesus verstehe bedeutet echte Selbstverwirklichung, ob ich will oder nicht gleichzeitig den optimalen Nutzen und Kirschblütenregen für den Rest der globalen Familie.
Ich erzähl das alles, damit ich kapier, was mir wichtig ist und daußerdem, weil ich Felix daran teilhaben lassen will.
Felix und ich haben nämlich das gleiche Problem, dass wir gern Zeitung lesen, aber ich danach immer depremiert bin und er seine Wut kriegt, die er dann in seinen Magen tut und deswegen an einem Krebs sterben wird, wenn er 40 ist.

