Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

May 29th, 2008

Krimtataren

Lese die Biographie von H. Melville, der Autor von Moby Dick, so wie ich die Biographien duzender anderer Leute, deren Werke niemals mein Auge streiften, gelesen habe: Belanglose Briefe, die diese Menschen an ihre zeitweiligen Freunde schrieben, langwierige Schilderungen der Cousine, wie er sie um 20 Dollar angepumpt hat, Notizen über vertragsbrüchige Partner im Tagebuch.
Ich glaube, das ist meine Telenovela oder das, was für Frau Opiz französische Filme sind, in denen man jemand 45 Minuten dabei zusieht, wie er raucht.
Und tatsächlich, als ich vorhin versuchte, mir einen Schwarz Weiß Film von 1929 zu Gemüte zu führen, war mir das zuviel Action und sofort wieder ausgemacht.
Was den Harten Mittwoch (mein Agenturtag) immer herzlich entschädigt ist das anschließende Einsacken in Tommes und Aksis tiefem Sofa, kalter Auflauf für mich aufbewahrt und von Boris Hand gereicht, den Zwillingen beim Backgammon zusehen und feststellen, dass Alejandra genauso müde ist, wie ich.
Ich werde demnächste jedem Wochentag ein Namen geben, der mir entspricht. Den Harten Mittwoch habe ich schon mal. Beim Dienstag schwanke ich noch zwischen Frau Schmycks Tassen oder Lesen mit dem Großvisier.

May 26th, 2008

Hamburg, die Bildschöne

Da steh ich nun barfuß auf Jannas sonnigem Balkon und schau in den Nachbarshof rüber, in dem die Tibeter und Deutsche, die gern Tibeter sein wollen, einen hübschen Schrein zum drum rum gehen und Gebete sprechen, platziert haben. Der Wind fährt schläfrig durch die bunten Wimpel, trägt Papiertüten unter den Füßen samstagsgelaunter Frühstücker in den Cafes der Bahrenfelderstraße hindurch, macht eine Runde um den Block, betrachtet die Genügsamkeit der sonst Eilenden. Antiquitätenhändler haben Ruhesessel auf den Bürgersteig geschoben, schenken Altona einen Vormittag gnädiger Selbstvergessenheit – allemann dürfen kurz aufhören Selbständige, Rechnungszahler, Mütter, Aufstrebende zu sein. Weit und breit nur aufstrebende Kresse auf meinem Bagel, ich will mein Gesicht hineinlegen und selbst zu Kresse werden.
Ein warmer Tag im Mai.
Am Abend grillen wir und Jannas langer Körper biegt sich rückwärts zu einer Brücke, um in dieser Position die verspäteten Gäste ihrer Geburstagsparty zu empfangen. Welche dann auch nett sind und mich noch einige Zeit lang beschäftigen werden.

May 26th, 2008

Letzte Woche einen angenehmen Tag bei einem No Budget Dreh mit Studenten gehabt. Um 8:30 gings los in einer Draußenlocation, ich sollte 16 sein und dem Typ klarmachen, dass ich schwanger bin- nach vier Stunden schlechter Tonqualität wegen Straßenmusikanten und katholischer Prozession war es sehr kalt. Wir haben einen warmen Frühlingstag gespielt, dementsprechend wenig Kleidung getragen. Gegen Ende hin unkontrolliert geschlottert, was den Kameramann bewegte mir Tee zu bringen und ca. zehn Mal seine Jacke anzubieten, was ich toll fand, auch weil er eine Tätowierung über den ganzen Arm bis hoch zur Schulter hatte und ich gern seine Tätowierung geküsst hätte. Wenn jemand ein so wunderbar dunkelblaues Pflanzengeranke auf dem Körper hat, da will man doch hinfassen; die ausgestreckte Hand sacht mitten da drauf.
Den Rest drin gedreht, nicht wenig gelacht. Die Studenten waren alle im ersten Semester – ein bißchen unsicher und süß. Die Dozentin wollte, dass ich emotional spiele, habs aber nicht gemacht, weil ich wußte, dass die Erstsemestler es eher trocken wollten. Und das wär ja noch schöner, Rosamunde Pilcher Vorstellungen zu erfüllen und hinterher schenieren sich die armen Studenten den Film dem Rest ihrer Klasse zu zeigen.

May 18th, 2008

Mit Kiefers ins Sachsen gewesen.

May 12th, 2008

Aber das Schilf am Ufer war schon schön

Gestern haben wir den gleichen Fehler gemacht wie alle anderen und sind an einem Feiertag zum Tegernsee gefahren. Mit dem Zug. Mir wars streckenweise egal, aber die alten Leute haben sich wegen der belegten Sitzplätze aufgeführt wie verwöhnte Bälger. Haben, anstatt es mit Würde zu nehmen, die ganze Fahrt über ihre Knie und den Anspruch auf einen Sitzplatz und einen gewissen Ausweis, der ihnen den Anspruch auf einen Sitzplatz attestiert, und die Radfahrer sind schuld und man solle verbieten, dass die ihre Räder in den Zug nehmen, und früher alles besser, weil da alle gewandert sind anstatt rumzurasen, lamentiert, dass man nur die Augen schließen konnte und…hätte ich nur den ipod mitgenommen.
Schurik hatte die Zeit dabei und während der ganzen Fahrt das Dossier über die Nazis gelesen, so waren meine Gedanken also, noch vor dem Eintreffen am Touristen verhagelten Tegernsee auf der Zielgeraden zu dem Satz, der, wenn er einmal in meinem Hirn singt, den ganzen Tag verdürsten kann: Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht…

Was nehme ich mit aus diesem Erlebnis? An Pfingstsonntagen und generell warmen Wochenenden einfach in der menschenleeren Stadt bleiben und froh sein, dass sich die Lamentierer, Touristen, Radfahrer, Zeitungsnazis alle gemeinsam, gut verstaut, das Zugabeil zum Tegernsse, teilen.

May 8th, 2008

Mein neuer Lieblingsberuf ist Steuerberater. Ich saß diesem Mann gegenüber, er hatte ein kleines Büro und einen Anzug, der um den Bauch ein wenig spannte. Einen Stapel loses Papier wurde von einem Breifbeschwerer in der Form eines Elefanten vorm Davonfliegen durch das Fenster bewahrt. Er war bestimmt nur 5 Jahre älter als ich und hatte alles was ich nicht hatte. Auch im Kopf. Nachdem er einen Überblick über meine Situation gewonnen und mir Mut gemacht hatte, alles anzusprechen, schloß er für einen kurzen Moment die Augen und sagte: Ich denke, sie werden alles zurückbekommen. Während er mir nun Punkt für Punkt darlegte, was für mich gilt und warum er da was für mich machen kann oder nicht, machte ich mir Notizen, weil ich sonst alles vergessen hätte, weil ich eine Funktion im Hirn habe, die schaltet nach dem dritten unbekannten oder nicht gemochten Wort in Folge ab. z.B.
Festplatte, Systemsteuerung, Hausverwaltung.
Zack- weg bin ich.
Beim Steuerberatermann reiß ich mich aber zusammen und schreibe mit und denke die ganze Zeit, du bist nicht zum Spaß da -und zum Schluß stehen sogar richtig vernünftige Notizen auf meinem Blatt und der Mann nimmt meine ganzen Unterlagen in seine behördenerprobten Hände und lächelt wie die Zuversicht und steht mir zur Verfügung, sagt er.
Wieviel Lebensmut einem ein Mensch einflössen kann, der sich mit so faden Dingen umgeben muss.
Ich verneige mich tief und weiß jetzt auch: eine Kinokarte kann ich zu 50 Prozent absetzen.

May 2nd, 2008

Hi Janna, ich will unbedingt, dass du das Buch bald liest, damit wir darüber reden können, oder du Felix. Und nachdem wir uns bereits die Gedichte und Lichtgestalten dieser Epoche um die Ohren geschlagen haben, ein Ausblick auf die Perversionen, die eine „romantische“ Gesinnung unter bestimmen Umständen hervorrufen konnte.

Rüdiger Safranski in `Romantik – eine deutsche Affäre´:

… die Romantik jedenfalls wird beschuldigt, dass sie eine Geisteshaltung begünstigt hat, die nach der Devise verfährt: Wenn die Wirklichkeit nicht meinen Vorstellungen entspricht, umso schlimmer für die Wirklichkeit! Was in der Weltfremdheit ausgebrütet wurde, soll grundstürzend in die Welt eingebrochen sein. (Und damit später einen Nährboden für Hitlers
vulgarisierte, moralisch verwahrlosten Ideologie vorbereitet haben)

Wieder ist an Heine zu erinnern, der in den berühmten Schlusspassagen seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ das französische Publikum vor den Folgen der romantischen Geistesrevolution warnt: Lächle nicht über den Phantasten, der im Reich der Erscheinungen dieselbe Revolution erwartet, die im Gebiet des Geistes stattgefunden.
Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und nicht sehr gelenkig, und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr ihn einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht…

Erinnert man sich der bewundernswerten Genies der romantischen Epoche
(Novalis, die Gebrüder Schlegel, Tieck, Fichte, Hölderlin…), die ihre Welten geschaffen und der Wirklichkeit selbstbewusst entgegengesetzt hatten, so sträubt sich alles dagegen, eine Figur wie Hitler in einem Atemzug mit dieser romantischen Tradition zu nennen. Und doch kann man nicht umhin, in Hitler diese fatale Verbindung von Weltfremdheit und weltstürzendem Furor am Werk zu sehen.

May 1st, 2008

Ich kann mir die mehrmals wöchentich, exzessiv betriebenen Saufgelage meiner Generation nicht anders erklären, als mit einer Unruhe der Seele, die durch andauernde Zerstreuung und wenig Sammlung entsteht,
einen zerschlagenen Geist,
oder die Nichtbeachtung des eigenen Willens, was zur Ergreifung unpassender Berufe, Partner und Lebensgewohnheiten führt.

J.S. Foer