Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

June 30th, 2008

Ich liebe Wassermelonen und ich liebe Schlomo und ich liebe Jesus. Und wenn ich in einer Kirche sitze und die anderen Stinker sind endlich draußen dann verstehe ich, dass der am Kreuz was für mich gemacht hat. Ich liebe ihn nicht wie die Melonen und nicht wie Schlomo, aber es ist doch eine Art Liebe. Die letzten zwei Jahre dachte ich, das geht nicht, du kannst nicht diesen ganzen Mist glauben, und das geht wirklich nicht, aber ein bißchen was kann ich glauben und da macht es dann auch nichts aus, dass es konträr zum Verstand läuft und eigentlich ganz großes Märchen, Epos in zwölf Bänden.
Dann ist heute unser Küchenregal mit Karacho runtergeknallt. Da waren zwei Duzend Gläser mit Gewürzen drauf; sind alle in Scherben und Curry, Koriander und Chilli überall. Ein wenig getrauert, weil auch der gute Mörser futsch ist, aus der größten Scherbe einen Seifenhalter gemacht. Schlomo hat Scheißerei und Sommergrippe und kriegt vegetarische Hackbällchen, weil er sich nicht wehren kann.
Wegen gestern schon wieder erholt, aber die Kinder auf dem Spielplatz hats böse mitgenommen; als ich Nachmittagschlaf machen wollte der eine immer: “Ich bin Fernando Torres!” und darauf der andere: “Jährrr!” und irgendwie auf ihn drauf gesprungen oder so. Im Keller im Hinterhof übt heute wieder die Nirvana Coverband, ich arbeite erst wieder am Mittwoch, also große Idylle.
Papa doma.

June 28th, 2008

nobody speaks of remarkable things

Kaufe alle zwei Tage eine Wassermelone beim Türken und sehr froh, dass er neulich, als ich nach Hause kam und Schlomo in Frankfurt eine Woche weg, 10 Minuten mit mir geplaudert hat und nachbarschaftlich alles getan hat, was man überhaupt erwarten kann. Jetzt Bluesmusik aus dem Hinterhof, Gelächter auf den Balkonen und der Mensch, der am Sonntag immer ein trauriges Klavierstück spielt hat soeben wieder damit angefangen.
Fenster sperrangelweit offen. 28. Juni. Sommer.
Lese drei Bücher, eines von Heine, der mich immer wehmütig macht, sogar wenn er lustig ist.
Das andere Gogol – die toten Seelen, auf dem Flohmarkt für 1 Euro, grüner Stoffeinband -toll zum Anfassen, lese es fast nur wegen dem Einband. Das dritte von Judith Hermann – eher zum Üben, im September beginnen die Lesungen und ich fühle mich nicht fit. Einem Kollegen von mir habe ich mein Impuls-Vanille-Weiberdeo geschenkt, das er jeden Tag benutzt und sehr froh drum ist und es nicht krum genommen hat. Es war nämlich so, dass er abends weg wollte und wie immer nahm die Arbeit kein Ende, er mußte bis 23Uhr bleiben und keine Möglichkeit mehr nach Hause zu fahren und zu duschen. Seitdem also das Deo in seinem Schreibtisch und zwei bis drei Mal täglichdas kurze Zischen und dann riecht es nach Mädchen mit Kirschmund.
Nachmittags saß heute das halbe Haus im Hinterhof. Einer rauchend in seinem Klappstuhl, den er immer mit runter bringt, eine Frau auf der Decke im Gras, ich in der Bank, die Hausmeisterin hat Wäsche aufgehängt. Der Sohn von dem im Klappstuhl singt und spricht mit sich selber, hat eine Kriegerausrüstung, ist neun und bekommt von seinem Klappstuhlvater vorgelesen und insgesamt das coolste Kind der Straße. Bin froh um ihn und höre manchmal zu, was er sich vorquatscht.
Große Unruhe in mir und geflucht und ein Glas Wasser, Milch und die Tasse Pfefferminztee verschüttet. Letzteres ins Bett und plötzlich zu lethargisch um aufzuwischen oder Bettzeug abzuziehen. Mit der Pfefferminzpfütze eingeschlafen. Morgen das große Spiel und habe seit der WM so viel gelernt, dass ich am liebsten den Kopf schütteln würde, wenn die andern Mädchen beim Zugucken immer so dämliche Fragen stellen.

June 14th, 2008

Jetzt will ich noch von dem Bistro erzählen. Am Donnerstag, als Deutschland spielte, war ich tagsüber schon sehr aufgeregt, weil ich, wenn auch sonst nicht fußballbegeistert, bei WM und EM fast alle Spiele anschaue und fast alle Spieler kenne und sie mit Namen aus meinem Bekanntenkreis versehen habe. Der Riberi von den Franzen ist zum Beispiel Boris H. der Schweinsteiger ist die Ilona, weil er sich die Nägel lackiert und in Schwabing zum Starbucks geht, die Holländer sind alle Christiaan und der Cidan ist der Johannes. Ich spreche immer noch viel vom Cidan, weil es mich sehr beeindruckt hat, wie er das gemacht hat, mit dem Kopf damals.
Am Donnerstag also, wegen vieler Aufregung, war ich nachmittgas müde, dass ich eingeschlafen bin und Schlomo mich erst zur zweiten Halbzeit geweckt hat. Wir sind über die Brücke zum Heizwerk, weil dort eine große Leinwand sein sollte und die WG vom Rosenheimerplatz. Als wir ankamen, war gerade eine Schlägerei, weil ein Junge eine Kellnerin geschubst hat und die Kellner dann alle auf ihn. Sind wir also zurück und rein in Marcos Bistro, das Piacere heißt, was auf italienisch Bitteschön heißt und innen gibt es karierte Tischdecken, wie echt in Italien.
Marco ist sehr beliebt, da wo ich wohne und alle Deutschen wollen mit ihm per du sein und plaudern, damit sie was Südliches und Entspanntes haben. Besonders die Yuppies. Bei Marco sitzen wir dann und trinken und schauen zu, wie die Kroaten sich freuen und Ilona eine rote Karte bekommt und gehen muß. Dann ist Schluß und Marco umarmt die deutschen Gäste und sagt zu einer Frau die traurig guckt: “Jetzt weißt du wie ich fühlen am Montag.”
In der Ecke sitzt ein ganz ruhiger Kroate, der von Marco Cola Light genannt wird.
Marco sieht zu Cola Light, schüttelt den Kopf und sagt: “Dem is egal, ob gewinnen oder verlieren.
Immer Cola Light.” Die Deutschen finden es sehr witzig und lachen so seltsam, dass ich sie witzig finde. Draußen saß aber eine Frau, die sah aus, wie Doro M. und sie redet so angeregt und heiter mit ihrer Freundin, dass ich mich einsam fühle und Schlomo gibt mir Geld, damit ich bezahle und wir gehen.
Werden später Arne und die richtige Ilona treffen und hab mir ein Buch besorgt, von einer Schirftstellerin, die mindestens doppelt so einsam war wie ich mich am Donnerstag gefühlt habe und es tröstet immer, nicht die Einzige zu sein.

June 12th, 2008

Gestern, nach zwölf Stunden Dauerstreß im Nebenjob wie eine Mumie durch die Nacht nach Hause gelaufen. Unter der Brücke bei den Gleisen ruckelte sich soeben ein Duzend Obdachlose Seite an Seite in ihren Schlafsäcken zurecht, aus den offenen Türen der Cafes drangen die letzten belämmerten Stimmen der Kommentoren eines schweizer-türkischen Zerwürfnis. Dennoch kann ich noch laufen und essen, nicht so meine liebe Frau Schmyk, die im Krankenhaus liegt und ihre Speiseröhre gedehnt kriegt, was ihr stündliches Erbrechen für einige Monate erträglicher machen soll.
Zuhause dringen japanische Kampfschreie aus Schlomos Zimmer, er sieht sich irgendwas Schlimmes an. Ich  will gerade zu meinem SalzburgHeimatStreifen flüchten, als er mich entdeckt.
Der Abend verläuft mit einem Bananenshake und schnell einschlafen. Dieses lange Arbeiten tut mir nicht gut. Etwas Ungutes passiert. Es verändert meinen Geschmack. Diese Scheiß_allesinOrdnungfilme und nichts mehr aushalten.  Das muß eine Reaktion sein auf das Übermaß an Strapazen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich nun deutlich den Zusammenhang: Topmanager, die tagsüber 2000 Arbeitnehmer entlassen haben streicheln abends ihr Kanninchen, Greenpeaceguerillas blättern auf dem Klo in der Vogue. Sozialarbeiter schließen sich in ihre Wohnung ein und spielen Autorennen bis zum nächsten Morgen. Mit einem Mal erklärt sich mir das ganze leugnende Drama der Wirtschaftwundergeneration. Und nun bin ich ein Teil davon.

June 9th, 2008

Bei Selah

YouTube Preview Image
June 8th, 2008

Ein schönes Cello habe ich mir geliehen. Steht selbstverständlich, an der Wand lehnend, in meinem Zimmer und einfach da für mich. Ein Lied kann ich schon darauf: “Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht…” und singen dazu gleichzeitig. Hab viel gearbeitet und bis Freitag 21Uhr auf Hochleistung gefahren, deshalb auch heute, obwohl schon Sonntag ist, sehr unruhig und nur zehn Minuten im Hinterhof ein Buch von Heine lesen können, der auch nicht mit einem ausbalancierten Gemüt gesegnet war, und mir heute wenig behilflich ist.
Herr W. aus Berlin kennengelernt und weil er ein Wirtschaftstier ist habe ich mein Ökonomie für Anfänger Werk ausgepackt und ihn beeindruckt weil ich Fachbegriffe wie “Knappheit” verwende und mich beeindrucken lassen von Herr W., der der kleinen Gesellschaft in unserer Küche ausführlich erklärt hat, was ein Terminhandel ist und dessen Auswirkungen auf die Lebenmittelpreise und nur Herr S. (der wohl ein wenig neidisch war, weil ich so glänzend geglänzt habe) trumpfte kurz bevor unser aller Aufnahmefähigkeit erschöpft war, mit einer hochkomplizierten und sicher vorher zurechtgelegten Fragestellung zu Optionen an der Börse auf, nur um mir unter die Nase zu reiben, dass er mit seinem Abiturientenwissen allemal mein Ökonomie für Anfänger Werk überholen kann.
Dementsprechend Stille zwischen uns heute.
Demonstrativ einen Heimatfilm aus Salzburg angeschaut.
Er demonstrativ ein Buch über Evolution gelesen, bei dem ich nicht mitreden kann,
weil mein Physiklehrer so schlecht war, dass alle Hirnbahnen in diesem Gefilde in der sechsten Klasse abgestorben sind.
Zur Strafe sechs Seiten aus dem Heinebuch kopiert und übers Sofa in die Küche gehängt.
Dann noch ein Bild von Klaus Kinski aus dem Feuillton dazu.
Das Kinski bild musste ich wieder abmachen,
dafür hat er das Evolutionsbuchlesen beendet und bis zum Spiel in drei Stunden sind wir wahrscheinlich quitt.

June 8th, 2008

Kopie_von_19052008_015___Medium_.jpg Kopie_von_19052008_017___Medium_.jpg
Ich aufgeregt.                                            Herr S. desillusioniert.

Kopie_von_19052008_009___Medium_.jpg Kopie_von_19052008_006___Medium_.jpg
Und zwei Bilder für die Mama.