Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

November 28th, 2008

Heute war ich bei Frau Schmyck. Sie hat gesagt: “Ich sterbe.” Und: “Ich hätte nie gedacht, dass ich so schwach werden könnte.”
Sie hat auf den Kronleuchter gezeigt und mich gefragt: “Ist der schön?”
Meine Antwort: “Junge Menschen kaufen sowas. Es ist wieder schön.”
Frau Schmycks Blick wanderte zu der riesigen Schrankwand über den Lampenschirm auf dem schmiedeeisernen Gestell zu den Kristallvasen neben ihrem Sofa.
“Es gibt viele häßliche Sachen. Ich verstehe gar nicht, wie ich das früher hübsch finden konnte”, sagt sie.
Sie hat viel gearbeitet. Sich herausgearbeitet. In den Sechzigern kaufte sie sich einen Sportflitzer, den sie sehr geliebt hat. Und eine komplett neue Garderobe, chinesische Vasen, die Wohnung. Jetzt liegt sie auf dem Sofa, ein dünner Vogel, Knochen unter Transparenthaut. Ich starre sie an. Manchmal wunder ich mich, dass sie sich nicht wehrt gegen das Angeglotztwerden von mir. Ich bin da, um mit ihr Konversation zu machen oder wie heute, einen Tannenzweig zusammenzubinden. Aber dann bleibe ich an ihrem Gesicht hängen, an dieser unglaublich und tatsächlich sterbenden Person.

Außer all den anderen Gedanken, die ich sonst denke, wenn ich bei ihr bin, denke ich auch:
Ja, was für eine Ansammlung Schrott, teuer bezahlt und nur noch ein Bruchteil wert und was bleibt, wenn einem alles und schließlich der Körper zwischen den Fingern zerrinnt?

Ich mag Frau Schmyck sehr gern. Sie hat ein großes Herz und sagt Goldgräberhosen zu Jeans.
Ihr Vater war Pazifist und hat mit ihr gesungen. Das Singen und Pazifist Sein wurde natürlich ordentlich eingestampft, “aber Arbeit hat er uns gebracht, das muss man ihm (dem Hitler) lassen”.
Meinen Einwand, das die Arbeit von der Aufrüstung kam, schmettert sie ab.
Jedesmal bittet sie mich etwas mitzunehmen: den Pelzmantel, die Schallplatten, Ledertaschen.
Das ist auch etwas, das mich beschäftigt; wie man am Ende alles loswerden will, bitte alles raus soll, nur noch die Heizdecke und jemand, der die Hand tätschelt, sonst nichts. Alles uninteressant.

Wenn ich bei Frau Schmyck bin fühle ich mich wie ein Goliath. Im Vollbesitz meiner Jugend und Kraft und ich weiß, dass im Rückblick heute meine goldenen Zeiten sein werden. Ich frage mich, ob ich deswegen zu ihr gehe.
Nachts hat sie Angst, das verstehe ich. Sie schläft nicht und schaut an die Decke. Ich habe ihr eine Karte gschrieben, die sie lesen kann, wenn sie wach liegt. Ich weiß nicht, ob sie das tut.
Ob das auch so ein Blindgänger ist, wie Traumfänger und Handtücher und Ratschläge, was man alles bekommt und nie haben wollte.

Ich bin fixiert auf den Verlust, auf den Verfall. Ich starre in Frau Schmyck hinein und es beruhigt mich. Es beruhigt mich eine Weile ihrem Tod zuzusehen. Dann komme ich bei mir an und kann weiter machen. Dann weiß ich wo das alles hinführt und erzähle ihr einen Witz; sie kann noch sehr schön kichern, vor allem, wenn es um Männer geht.

November 17th, 2008

Buchmesse 08 Basel: Kandisstadt

Vor einem karmesinroten Rathaus mit tizianblauer Stuckatur und goldenen Zinnen auf dem koketten Dach steht ein Tannenbaum, an dem 2 Kranarbeiter Christkugeln, groß wie Basketbälle, anbringen.
Ich begreife, während Novembernebel mein Gemüt umwölkt, dass erstens Weihnachten anrückt und zweitens, ich in Basel bin.
Hier schneit es Zucker, nicht Schnee, aus den Brunnen fließt Lindt-Schocki und zum Aufbrühen des Kaffees wird schon mal mit Banknoten vorlieb genommen, wenn man Filterpapier zu erstehen im 17:30 schließenden Lädchen, verbummelt hat.
Hier ist verspielt, reich und klein was draußen global, zweckorientiert und bedrohlich ist; aus den Uhren macht es tick tack und in den Schaufenstern blink. Entschuldigt, dass ich all diese Vorurteile bedienen muss, aber es macht mir Spaß. Dass die Schweiz nicht so Schweiz ist, wie ich sie haben will, (eine handgefilzte Stoffblume am Jackenkragen zu tragen lassen sie sich dann trotzdem nicht nehmen) enttäuscht mich anfangs ein bisschen. Doch dann all die interessanten Entdeckungen:
Die Schweizer lassen es legerer angehen! Fläzen in ihren Messeständen, rauchen (auch das Personal) (drinnen), tragen Leck mich am Arsch Schuhe und schieben sich, während dem Kundengespräch noch schnell ein Stück Apfelkuchen rein. Der Apfelkuchen ist überhaupt so eine Sache, warum diese Buchmesse 3 Tage lang nicht den Charme einer Privatinitiative miteinander verwandter Literaturfröner vom Ranzen kriegt; der Apfelkuchen wird in Blechen, wie Mama eins im Ofen hat, auf zusammengeschobenen Campingtischen von freundlich dreinschauenden Studenten serviert, denen man mühelos ein 5 Frankenstück in ihre Lachgrübchen klemmen könnte, wenn sie fragen: „Sind sie auch aus Basel, odderr?“
Passiert ist es mir trotzdem, dass ich mich, mitten im bunten Treiben, fremd und allein gefühlt habe, trotz 5 Sterne im Hotel und Autorenlounge und Uwe Tellkamp auf dem Sofa neben mir; redend.
Mir war elend. Stöpselte Bach und Sex Pistols ins Ohr und lies mich trösten, trabte weiter über die Messe, hörte Lesungen und las selbst und wurde schließlich doch noch von Heimat übermannt, als eine schlanke Dame meines Alters 1 geschmeidiges Cello zwischen ihre festen Schenkel presste, den Bogen anhob, strich und dazu wunderbar ihren Torso neigte; links und rechts.
In diesem Augenblick wurde Basel meine Base, ich schipperte im Touriboot über den Rhein, beschloss dass Schweizer Messen besser sind, lachte mit Irena Brezna über die Genossen vom totalitären Regime und zog fröhlich meine Straße.