Die letzte Lesung in Köln fing mit einem Upgrade im Hotel an, weil ein prominenter Autor krank geworden oder früher abgereist war.
D.h. ich, die mit den anderen nicht prominenten Autoren eigentlich in der vierten Etage hätte nächtigen sollen, durfte nach oben in den zehnten Stock. Die Dame an der Rezeption unten lächelte mir verheißungsvoll zu, was ich in gänzlicher Fülle erst verstand, als ich die Tür zu einer Luxus Suite mit Panoramablick über das in Sonnenuntergang getauchte Köln, öffnete. Auf dem Tisch in einem Zimmer, nebst Ornamentbadezimmer und Designermöbeln stand ein Teller mit Häppchen, die ich geschmacklich zwar nicht gleich zu ordnen, doch im Nachhinein als Kaviercanapes identifizieren konnte. Die folgenden Stunden verbrachte ich mit einer Eukalyptussaune und immer wieder im Schneidersitz vor dem Panoramablick sitzen und nichts.
Beim Frühstück am andern Tag schalt ich mich selbst, kein Altgrieche zu sein, der die Lehre des Epikur dahingehend missverstanden hat, sie als Legitimation für orale Platzschaffung zur Erweiterung des Spektrums an aufnehmbarer Nahrung zu nutzen. Die Lesung war gut, ich machte mich auf den Weg durch die Stadt.
Der Dom ist verdammt schön, besonders das Pixelfenster von Gerhard Richter.
Nur der kleine Jesus ganz hinten in der Ecke wirkt ein wenig deplatziert und als hätten ihn seine Mitbewohner nicht rechtzeitig über den Dresscode der Veranstaltung informiert. Was Rang und Namen hat ist gekommen: Marmorne Erzbischöfe in lasziver Pose von servilen Putten bei Laune gehalten, hübsche Frauen mit geraden Nasen und knackige Jünglinge in Bronze, die für einen Engel eigentlich zu viel Sex Appeal mitbringen, als das man beim Gebet nicht auch auf andere Gedanken kommen kann.
Kurzum: Fromm werde ich in diesem Dom nicht, dafür rockt die Mischung aus Kunst, Lust und Gotik umso mehr.
Die Kölner sind nett und traurig, dass ihre schöne Stadt im Krieg zerbombt wurde. Bis auf die Kirchen und ein paar Brocken Altstadt sieht jetzt viel nach „Mir scheißegal ob euch das gefällt“ – Architekten aus und wenn man Schwarzweißfotografien des ehemaligen Straßenbildes betrachtet, will man sich auf den Boden legen und heulen. Der junge Mann, der mir einen erstklassigen Falafel Döner wickelt ist auch sehr nett, was mitnichten an mir liegt, da ich stressbedingten Ausschlag im Gesicht habe und damit sicher nicht die Alarmanlage eines aufwendig gepflegten Arabboy auslöse.
Im Fahrstuhl, zurück im Hotel, mache ich mich lächerlich, indem ich einen angesagten Autor, der doppelt so intelligent ist wie ich, zuerst nicht erkenne und dann dumm von der Seite anrede. Ich hoffe, er versenkt mich in dem Abgrund, der in seinem Hirn für doofe Fahrstuhlbegegnungen mit doofen Halbautoren vorgesehen ist.
Der Rhein.
Wenn ich mir vorstelle, dass da unten das Nibelungengold , die Lorelei, haufenweise von der Geschichte erschlagene Römer und Germanen liegen will ich mich, mit bedenkenlos offenen Armen und einem geraden Sturz, diesem alten Mitreisser anvertrauen.
Als ich genau in der Mitte der Hohenzollernbrücke stehe entdecke ich die Hundertschaften Vorhängeschlösser, die Jasagende dort zum Zeichen ihrer Liebe angebracht habe. Ist doch ein russischer Brauch, wenn mich nicht alles täuscht. Und dann geht man zum lokalen Gefallenendenkmal und trinkt zu Ehren vom Opa, der im Großen Vaterländischen die Nazis heimgeschickt hat. Was mich nach Esslingen bringt.
Wo ich gerade weile. Denn an der dortigen Aussendwand der Frauenkirche erinnert ein, in Stein gehauener, aufgebahrter Soldat an die Esslinger, die 1870/71 im Krieg gegen vermeintlich feindliche Franzosen ihr Leben in den Sand gesetzt haben. Nichts desto trotz prangt an der Tafel unter dem Aufgebahrten ein fröhliches: „Furchtlos und treu.“ Warum hat noch kein Esslinger Teenager mit seiner ganz neu gekauften Sprühdose „und tot“ dazu gemalt? Es scheint auch damals schon leichter gewesen zu sein , für die Phantasien eines Bismarcks oder Napoleons III alles aufs Spiel zu setzen, anstatt für die eigenen, vielleicht weniger aufregend wirkenden Wünsche, einen selbständigen Schritt zu tun.
In Esslingen stauen sich um den Neckar ein paar schiefe Häuser aus dem siebzehnten Jahrhundert, zwischen denen immer gerade soviel Platz gelassen wurde, dass eine Katze drin stecken bleiben kann. Als ich im Badezimmer ans Fenster trete sehe ich auf dem Hausdach gegenüber zwei Reiher, die mir ins Gesicht schauen.
Wie seltsam so ein Tier ist. Zumal ein Vogel.
Ein Stück Federsack auf zwei langen Stelzen. Der Schnabel genauso lang wie die Stelzen, also ein dritter Stelz.
Im Rewe Bäcker kurz vor 22 Uhr treffen wir auf den ersten Esslinger, der richtig mit uns spricht; eine übernächtigte Verkäuferin. Ich frage sie, ob die Kaffemaschine noch an ist.
Verkäuferin: „Bei mir schon.“
Ich: „Dann bitte einen Milchkaffee.“
Verkäuferin: „Hab nur noch Kaffee.“
Ich: „Dann das.“
Verkäuferin zu Schlomo: „Und Sie, keinen Kaffee?“
Schlomo: „Ich muss ins Bett.“
Verkäuferin: „Was wolln Sie denn da?! Im Bett sterben die Leut!“
Schlomo: „Ich muss morgen arbeiten.“
Verkäuferin: „Schaffe, schaffe, Häusle baue.“
Mit diesem inhaltsträchtigen Dialog und einer Bäckereifachverkäuferin, die bei aller Liebenswürdigkeit Schlomos Arbeitsmotivation völlig verkannt hat, verabschiede ich mich.
Ach ja…
auf der Speisekarte einer Esslinger Besenwirtschaft die Zusammenfassung des vegetarischen Angebots:
Ebbes mit ohne Fleisch

