Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

March 25th, 2009

Pathos ist angebracht

Die letzte Lesung in Köln fing mit einem Upgrade im Hotel an, weil ein prominenter Autor krank geworden oder früher abgereist war.
D.h. ich, die mit den anderen nicht prominenten Autoren eigentlich in der vierten Etage hätte nächtigen sollen, durfte nach oben in den zehnten Stock. Die Dame an der Rezeption unten lächelte mir verheißungsvoll zu, was ich in gänzlicher Fülle erst verstand, als ich die Tür zu einer Luxus Suite mit Panoramablick über das in Sonnenuntergang getauchte Köln, öffnete. Auf dem Tisch in einem Zimmer, nebst Ornamentbadezimmer und Designermöbeln stand ein Teller mit Häppchen, die ich geschmacklich zwar nicht gleich zu ordnen, doch im Nachhinein als Kaviercanapes identifizieren konnte. Die folgenden Stunden verbrachte ich mit einer Eukalyptussaune und immer wieder im Schneidersitz vor dem Panoramablick sitzen und nichts.
Beim Frühstück am andern Tag schalt ich mich selbst, kein Altgrieche zu sein, der die Lehre des Epikur dahingehend missverstanden hat, sie als Legitimation für orale Platzschaffung zur Erweiterung des Spektrums an aufnehmbarer Nahrung zu nutzen. Die Lesung war gut, ich machte mich auf den Weg durch die Stadt.
Der Dom ist verdammt schön, besonders das Pixelfenster von Gerhard Richter.
Nur der kleine Jesus ganz hinten in der Ecke wirkt ein wenig deplatziert und als hätten ihn seine Mitbewohner nicht rechtzeitig über den Dresscode der Veranstaltung informiert. Was Rang und Namen hat ist gekommen: Marmorne Erzbischöfe in lasziver Pose von servilen Putten bei Laune gehalten, hübsche Frauen mit geraden Nasen und knackige Jünglinge in Bronze, die für einen Engel eigentlich zu viel Sex Appeal mitbringen, als das man beim Gebet nicht auch auf andere Gedanken kommen kann.
Kurzum: Fromm werde ich in diesem Dom nicht, dafür rockt die Mischung aus Kunst, Lust und Gotik umso mehr.
Die Kölner sind nett und traurig, dass ihre schöne Stadt im Krieg zerbombt wurde. Bis auf die Kirchen und ein paar Brocken Altstadt sieht jetzt viel nach „Mir scheißegal ob euch das gefällt“ – Architekten aus und wenn man Schwarzweißfotografien des ehemaligen Straßenbildes betrachtet, will man sich auf den Boden legen und heulen. Der junge Mann, der mir einen erstklassigen Falafel Döner wickelt ist auch sehr nett, was mitnichten an mir liegt, da ich stressbedingten Ausschlag im Gesicht habe und damit sicher nicht die Alarmanlage eines aufwendig gepflegten Arabboy auslöse.
Im Fahrstuhl, zurück im Hotel, mache ich mich lächerlich, indem ich einen angesagten Autor, der doppelt so intelligent ist wie ich, zuerst nicht erkenne und dann dumm von der Seite anrede. Ich hoffe, er versenkt mich in dem Abgrund, der in seinem Hirn für doofe Fahrstuhlbegegnungen mit doofen Halbautoren vorgesehen ist.
Der Rhein.
Wenn ich mir vorstelle, dass da unten das Nibelungengold , die Lorelei, haufenweise von der Geschichte erschlagene Römer und Germanen liegen will ich mich, mit bedenkenlos offenen Armen und einem geraden Sturz, diesem alten Mitreisser anvertrauen.
Als ich genau in der Mitte der Hohenzollernbrücke stehe entdecke ich die Hundertschaften Vorhängeschlösser, die Jasagende dort zum Zeichen ihrer Liebe angebracht habe. Ist doch ein russischer Brauch, wenn mich nicht alles täuscht. Und dann geht man zum lokalen Gefallenendenkmal und trinkt zu Ehren vom Opa, der im Großen Vaterländischen die Nazis heimgeschickt hat. Was mich nach Esslingen bringt.
Wo ich gerade weile. Denn an der dortigen Aussendwand der Frauenkirche erinnert ein, in Stein gehauener, aufgebahrter Soldat an die Esslinger, die 1870/71 im Krieg gegen vermeintlich feindliche Franzosen ihr Leben in den Sand gesetzt haben. Nichts desto trotz prangt an der Tafel unter dem Aufgebahrten ein fröhliches: „Furchtlos und treu.“ Warum hat noch kein Esslinger Teenager mit seiner ganz neu gekauften Sprühdose „und tot“ dazu gemalt? Es scheint auch damals schon leichter gewesen zu sein , für die Phantasien eines Bismarcks oder Napoleons III alles aufs Spiel zu setzen, anstatt für die eigenen, vielleicht weniger aufregend wirkenden Wünsche, einen selbständigen Schritt zu tun.
In Esslingen stauen sich um den Neckar ein paar schiefe Häuser aus dem siebzehnten Jahrhundert, zwischen denen immer gerade soviel Platz gelassen wurde, dass eine Katze drin stecken bleiben kann. Als ich im Badezimmer ans Fenster trete sehe ich auf dem Hausdach gegenüber zwei Reiher, die mir ins Gesicht schauen.
Wie seltsam so ein Tier ist. Zumal ein Vogel.
Ein Stück Federsack auf zwei langen Stelzen. Der Schnabel genauso lang wie die Stelzen, also ein dritter Stelz.
Im Rewe Bäcker kurz vor 22 Uhr treffen wir auf den ersten Esslinger, der richtig mit uns spricht; eine übernächtigte Verkäuferin. Ich frage sie, ob die Kaffemaschine noch an ist.
Verkäuferin: „Bei mir schon.“
Ich: „Dann bitte einen Milchkaffee.“
Verkäuferin: „Hab nur noch Kaffee.“
Ich: „Dann das.“
Verkäuferin zu Schlomo: „Und Sie, keinen Kaffee?“
Schlomo: „Ich muss ins Bett.“
Verkäuferin: „Was wolln Sie denn da?! Im Bett sterben die Leut!“
Schlomo: „Ich muss morgen arbeiten.“
Verkäuferin: „Schaffe, schaffe, Häusle baue.“
Mit diesem inhaltsträchtigen Dialog und einer Bäckereifachverkäuferin, die bei aller Liebenswürdigkeit Schlomos Arbeitsmotivation völlig verkannt hat, verabschiede ich mich.
Ach ja…
auf der Speisekarte einer Esslinger Besenwirtschaft die Zusammenfassung des vegetarischen Angebots:
Ebbes mit ohne Fleisch

March 14th, 2009

Jan_van_Hemessen.jpg

Judith mit dem Beutel, in den gleich der Kopf von Holfernes reinkommt.

March 10th, 2009

Rausch am Nachmittag

Am Sonntag, wie an jedem sonstigen Tag der vergangenen Woche, Fisch gegessen, was mein neues Leibgericht ist und eiweißreich.
Dass mein Vorzugsdiscounter zum Supermarkt mit den meisten Produkten aus, Nachhaltigkeit wahrenden Fischfangmethoden gekürt worden ist, kommt meiner Verdauung zu gute und lässt diese insgesamt reuelos von statten gehen. Zur Lustmehrung trank ich einen Glas weißen Wein, den Gypsy und seine Zigeuner letztes Jahr im sonnigen Frankreich gepflückt haben. Da der Wein gut und der Fisch salzig war trank ich noch ein Glas und weil Schlomo der Meinung ist, offener Wein wird schlecht, den Rest. Der triste Himmel wurde hell und lachte mir zu, ich solle ordentlich froh sein und den fleißigen Hände danken, die mir seit eh und je nur Gutes wollen.
Gesagt getan verbrachte ich eine Stunde in inniger Umarmung mit diversen Einrichtungsgegenständen, Mitbewohnern und logistischen Unternehmungen, mich von A nach B zu transportieren. Da kam Besuch.
Ich schickte mich selber in meine Ausnüchterungszelle, wo ich, von neuer Kühnheit erfasst, beschloss, ein wunderschönes Kleid für mich zu nähen. Im noch anhaltenden Suff prompt einer verzerrten Selbstwahrnehmung erlegen; das gute Stück zwei Nummern zu klein geschneidert. Wäre darüber nun folgerichtig weinerlich geworden, hätte nicht der, in die Zelle vorstoßende, Besuch mit einer Keksplatte aufgewartet und Gespräch eingefordert. Die sich entwickelnde Unterhaltung streifte die Erfindung der Druckerpresse, was mir half, mich zusammenzureißen, damit ich noch rechtzeitig alles sagen kann, was ich darüber weiß, bevor die Diskussion weiterwandert. Womöglich zu Schlomos Lieblingsthema. Ich halte fest, zu Hause und am Nachmittag ist es auch schön und auf eine Jahre zurückliegende Empfehlung von PotsdamEdgar lese ich Cicero, der ein kluger Mann und namentlich eine Kichererbse war. (lat. Cicer = Kichererbse)

March 10th, 2009

Heute dagegen bin ich allein. In Ermangelung einer Katze, die man damit ärgern könnte, lassen die Mäuse das auf dem Tisch tanzen sein. Insgesamt ist mir beschäftigt bis langweilig. Tagsüber.
Gegen 20 Uhr kippt der Haushalt. Ich neige zu Drastik in Anlehnung an den alten David…esse mein Brot mit Tränen, mache des Nachts mein Lager fließen…, was seit meiner neuen Tätigkeit im Heim doch eher mit Inkontinenz als Schwermut zu assoziieren ist und ich dessenthalben auf andere Gedanken komme, weil Inkontinenz noch weit entfernt und ich somit gesund und jung .
Was mich wieder über Wein nachdenken lässt. Und wie ich den einen der Hagelbrüder, ja der früher lange Haare hatte und bei den Mädels aus meiner Klasse als most wanted spanish male model verrufen war, einmal enttäuscht habe.
Er hatte einen teuren, roten Fusel mitgebracht und trug ihn vor sich her, wie sein erstes Kind auf beiden Händen und Schlomo sagte ausgesuchte Sachen und Gypsy Komplimente aus dem Weinlexikon und alle tranken mit Andacht. Nur ich mischte mit Wasser, weil ich zu spät in den Raum gekommen war und die Huldigung verpasst und mein Gaumen mich nicht gewarnt hatte.
Schlomo legte seine Hand auf den Mund und Gypsy schüttelte sein sich senkendes Haupt und an der unteren Wimpernreihe am Auge des Hagelbruders sammelte sich die feuchteste Träne, die mir in sieben Jahren freundschaftlicher Begegnung mit ihm untergekommen ist.
Das bedurfte eines neuen Anfangs.

March 5th, 2009

Nach ein paar Tagen Informationsverdauung und aufgewühlt durch einen Beitrag von Eva Menasse in der Zeit, kann ich es ja sagen.
Es wird mir nicht zur Ehre gereichen, doch als am 11. Oktober 08 Jörg Haider bei einem Autounfall ums Leben kam, habe ich mich zum ersten Mal gefreut, dass ein Mensch gestorben ist.
Naiv wie ich war, gab ich mich eine Weile der Illusion hin, dass damit zumindest ein Teil des Gesamtübels Kärntner Politik beseitigt sei. Die Wahlergebnisse vom 01. März 09 strafen meine Bereitschaft, mich alle Nase lang einem Optimismus in die Arme zu werfen, kommentarlos ab.
Dass der Tod eines rechtspopulistischen Landeshauptmann nicht der Tod seiner rechtspopulistisch empfänglichen Wählermasse ist, war mir theoretisch klar. Dass die rechtspopulistisch empfängliche Wählermasse das Tänzchen aber auch ohne charismatischen Go-Go wagt und mit fulminantem Ergebnis gewinnt, dann doch nicht so ganz.
Womit ich mich schon wieder diesseits der Alpen und siebzig Jährchen in die Vergangenheit katapultiert finde. Denn das neulich statuierte österreichische Exempel erweist sich nicht nur als bedauerlich für die Ösis, die sich bei Negermamawitzen fremdbeschämt an die Stirn fassen,
sondern auch für eine, in meinen schlaflosen Nächten dann und wann gehegte, Phantasie:
Dass ein geglücktes Attentat auf meinen Adolf die Scheiße irgendwie abgekürzt hätte.
Heute im trüben 14:30 Licht eines ungerührten Donnerstags muss ich mir eingestehen:
Es hätte nichts gebracht.
Ein anderer Untoter wäre hinter dem Alphamännchen aus der Deckung getreten, hätte gefuchtelt und geboten und die verbliebene Hirnmasse der Zuhörenden aufs gründlichste flambiert.
Die Achtzehnjährigen wären trotzdem nach Russland getrabt, europäische Städte zerbombt, der Widerstand exekutiert, die Munitionsproduktion nicht sabotiert worden. Und von den ethnischen Säuberungen hat eh keiner was gewusst.