Ich fahre nach Leipzig und zwar von München aus. Dafür müssen gute zwei Stunden Halbstädte und Vorstädte passiert werden, die die trostreiche alte BRD nie ganz hinter sich gelassen haben. Hier leben Einfamilienträume nebst Doppelgarage und Plastikreh, Vereinshäuser und Baumärkte mit gelben Fahnen.
Auf der Höhe Markgölitz schaut dann so langsam der Sozialismus aus den Rapsfeldern und nach Breternitz hört selbst der Sozialismus auf. Die Landschaft kehrt mir den Rücken zu und wölbt ihren Mythenkessel nach außen. Abgewandtheit, die vielleicht wegen ihrer wirtschaftlichen Belanglosigkeit, vielleicht wegen weniger logischen Faktoren von gesellschaftlicher Relevanz unerreicht scheint. An den Tannenhängen rotten spitze Türme und Ruinen dem Jenseits entgegen, nur noch von Spinnweben zusammengehalten. Wasserläufe umschließen mit feuchten Fingern Backsteinmaunfakturen und einstürzende Höfe; ein Land wie gemacht für Ekstase, das Schaffen neuer Begriffe und Affären mit dem Tod. In diesen Schluchten haben also Tieck und Novalis ihren Verstand verloren und Gott sei Dank nie mehr wieder gefunden.
Der Zug hält kurz in Jena Paradies. Hier werde ich einmal aussteigen und alles herausfinden, was das die Stadt hinter ihrer Narbenhaut zu bieten hat. Ein bisschen weiter, auf dem schmalen Pfad zwischen einem Tümpel und drei schiefen Hütten geht ein Mann, den Beutel über die Schulter geworfen, äußerlich vergnügt, ein Zigarettchen rauchend. Ich denke, so könnte es leichter sein. Nichts wissen, als den Namen der Nachbarn, dass der Wald immer da war und das Zigarettchen rauchen bis man von einem gnädigen Lungenkrebs heimgeholt wird, zwischen Jena Paradies und Stöben. Ich höre Schuhmann, aber der gehört nach Köln, in fünf Minuten erreichen wir Leipzig und es ist längst Zeit für Bach.
In Leipzig schaue ich mir sofort nach Ankunft die Nikolaikirche an. Bei dem ganzen Mintgrün und Altrosa im Innenraum kann ich mir zuerst nicht vorstellen, dass von diesem Laden eine Revolution ausgegangen sein soll – nicht mal eine friedliche. Als ich jedoch die Texte entlang der Seitenwände lese kommen mir die Tränen, wie im Geschichtsunterricht neunte Klasse – Deutsche Einhei. Es hat nichts mit der Wiedervereinigung an sich zu tun. Die gewaltfreie Bewegung einer politisch orientierten Masse hat mich immer erschüttert. Das passiert mir auch bei Gandhi und Martin Luther King.
Ansonsten versuche ich dem Stadtkern von Leipzig zu entkommen, da hat der Vandalismus der oberen 500 seinen stupiden Glanz in jede Ecke geschissen. Die Thomaskirche allerdings kann ich nicht auslassen. Vor dem Eingang wurde auf eine Säule ein gusseiserner Bach gestellt –feist lächelnd und diabetiskrank. Dafür spielt im Innern der Kirche sein fleißiger Schüler an der Orgel ein Übungskonzert, das mich noch in der smuta * der kommenden Demenz begleiten wird.
Direkt gegenüber dem Bachtempel liegt das Bachstübl – ein spätbarockes Kaffeehaus, von protestantischer Schlichtheit glatt gebürstet. Dort kann man laut Karte `a Dässchen Gaffee´ trinken. Das muss man auch, selbst wenn man Espresso bestellt. Ich habe zwar keinen gelehrten Gaumen, kann aber einen Italiener von starkem Filterkaffee unterscheiden. Der Sachse jedoch, der mir das Dässchen reicht, ist im Alter meines Vater und so nett, dass ich ihm mein ganzes Geld und eine familiäre Umarmung geben will und nichts sage wegen dem Kaffee.
Auch in Leipzig gibt es Studenten, die laut singend auf ihrem Fahrrad gen Südvorstadt radeln; die sind mir schon in München begegnet, das sind die vom Musik Konservatorium, die machen das so. Ich war noch im Gewandhaus, auf dem Friedhof hinter dem Grassi und habe einem daher gelaufenem SED Palast mein befremdetes Erstaunen geschenkt.
Letztlich scheint Leipzig viel Platz zu haben und wenn ich von vorne anfangen wollte – dann hier. Später in der Woche besuche ich Schlomann in Stuttgart. Dort wird am Nachmittag ein Junkie zusammengeschlagen. Als wir ihm einen Stapel Tempos auf die Kopfwunde drücken glitzert bereits eine beträchtliche Pfütze Blut am Boden. Eine der Gafferinnen echauffiert sich über den Dreck an dem Junkie. Dafür werde ich in meiner Phantasie sie zusammenschlagen und so wandert die Aggression weiter, von einem Körper zum nächsten. Hätte ich das weiter oben im Text schon gewusst, wäre ich länger in der Nikolaikirche sitzen geblieben.
* smuta – Zeit der Wirren