Ein paar durchwachsene Tage in dem salzigen Hamburg verbracht.
Schönes Hotelzimmer in fragwürdiger Gegend beim Bahnhof.
Schlomo ist als braver Yuppie arbeiten gegangen. Ich habe mir die Moschee im Hinterhof angeschaut und wie die Nutten zu dem, was da an ihnen vorbeiläuft, Kontakt aufnehmen. Das wollte ich schon immer mal genauer beobachten.
Als bei Einbruch der Dunkelheit einige kopfbedeckte Männer zum Abendgebet geeilt sind, bin ich wehmütig geworden. Es hilft schon, einen Rhythmus zu haben. In allem.
Dann kam die gute Nachricht, dass ich einen kleinen Sprecherjob machen kann und mit dem Hallodri wars erst mal vorbei.
Schlingensiefs Krebsbuch begleitet mich und auch der Krebs von Frau Schmyck, die nur noch vierzig Kilo wiegt und früher eine große Frau war.
Im Krankenhaus sagte sie: “Sie müssen wissen, ich weine nach innen.”
Sagt sie so trocken und schaut mich an.
Ich denke daran, dass Schlingensief meinte, seinem Vater wär es dreckig gegangen, weil er sich nicht entäußern konnte. Klar, jammern – das tun alle, wenn es schmerzt. Aber das will man ja gar nicht. Nicht dauernd. Man will doch mit den letzten 3 % Prozent, die man noch Kraft hat, was bewegen und sich verschenken und trotz Krankheit, mitspielen. Bei den alten Ommas in meinem Heim ist es genauso. Die kriegen Depression, weil sie keiner braucht. Die Schwestern meinen es gut und sagen: “Dann nehmen sie jetzt mal den Wedel in die Hand und stauben ihr Regal an.”
Dabei weiß selbst die Putzgeneration in ihrem Innersten, dass ein sauberes Haus ein Zeichen für ein vergeudetes Leben ist. Da bin ich mir sicher. Das ist doch nicht gebraucht werden, den Staub abzuwedeln.
Am glücklichsten sind die Ommas, die jeden Nachmittag über die Wiese ächzen und Klee rupfen für unsere Stallhasen. Und diejenigen, die noch Aufgaben haben in ihrer Familie.
Und warum beschäftigt mich das? Weil sich die alte Neurodermitis wieder einquartiert hat und ich nicht glauben kann, dass mich dieser Parasit schon wieder erwischt. Ich will verdammt noch mal leistungsfähig sein und mir nicht jetzt, wo die wichtigen Proben anstehen, die Nächte um die Ohren hauen. Aber mit Trotzkopf ist da nichts zu machen. Ich werde also weniger tun und vielleicht was absagen und ein Mantra für das Artilleriefeuer in meinen Nerven erfinden. Bleib mal locker. Oder so was.
Das ist mir neulich eingefallen. Dass mein Bruder erzählt hat, wie er seinen Job macht. Er fliegt zum Beispiel nach Moskau oder fährt nach Frankfurt, setzt sich dort in eine Lounge und macht sich locker. Später auflegen, kein Alkohol, viel Wasser, locker machen und schlafen gehen.
Das ist doch nicht schlecht, wenn ich es mir überlege. Da passieren dauernd soviele Sachen und blöde Sprüche und vereinnahmende Menschen und eine Belagerung durch die Medien, dass man total unentspannt wird und vielleicht noch den Mist glaubt.
Da muss man sich erst mal wieder locker machen.
Auf der Rückfahrt hat mich ein iranisches Pärchen mitgenommen, das seine Karosse via Festplatte in eine orientalische Großraumdisko verwandelt hat. Was sehr lustig war und dann konnten die mir tatsächlich helfen bei der Aussprache der persischen Namen für den Sprecherjob.
Ja wunderbar, dachte ich, wird man in einem Abwasch heimgefahren und auf das Tonstudio vorbereitet.
Und überhaupt Familie. Was ich da alles mitbekommen habe. Von der kleinen und der erweiterten Familie. Da gab es Leute, die umgezogen sind oder sich haben ihren Feierabend rauben lassen, damit aus mir und den anderen Halbstarken was wird. Das ist doch unglaublich.
Ich will mitspielen.
Man muss mitspielen bis zum Ende. Die Hasen füttern und sich locker machen und sagen, dass man nach innen weint und von Ausschlag gezeichneten Mädchen bei der Aussprache persischer Namen helfen und eine Musik in den Himmel schicken, dass einem selbst und der gesamten Familie das Herz platzt vor Dankbarkeit und Krankheit und Kraft.
