Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

July 24th, 2009

Im Juli für Juli

Ein paar durchwachsene Tage in dem salzigen Hamburg verbracht.
Schönes Hotelzimmer in fragwürdiger Gegend beim Bahnhof.
Schlomo  ist als braver Yuppie arbeiten gegangen. Ich habe mir die Moschee im Hinterhof angeschaut und  wie die Nutten zu dem, was da an ihnen vorbeiläuft, Kontakt aufnehmen. Das wollte ich schon immer mal genauer beobachten.
Als bei Einbruch der Dunkelheit einige kopfbedeckte Männer zum Abendgebet geeilt sind, bin ich wehmütig geworden. Es hilft schon, einen Rhythmus zu haben. In allem.
Dann kam die gute Nachricht, dass ich einen kleinen Sprecherjob machen kann und mit dem Hallodri wars erst mal vorbei.
Schlingensiefs Krebsbuch begleitet mich und auch der Krebs von Frau Schmyck, die nur noch vierzig Kilo wiegt und früher eine große Frau war.
Im Krankenhaus sagte sie:  “Sie müssen wissen, ich weine nach innen.”
Sagt sie so trocken und schaut mich an.
Ich denke daran, dass Schlingensief meinte, seinem Vater wär es dreckig gegangen, weil er sich nicht entäußern konnte. Klar, jammern – das tun alle, wenn es schmerzt. Aber das will man ja gar nicht. Nicht dauernd. Man will doch mit den letzten 3 % Prozent, die man noch Kraft hat, was bewegen und sich verschenken und trotz Krankheit, mitspielen. Bei den alten Ommas in meinem Heim ist es genauso. Die kriegen Depression, weil sie keiner braucht. Die Schwestern meinen es gut und sagen: “Dann nehmen sie jetzt mal den Wedel in die Hand und stauben ihr Regal an.”
Dabei weiß selbst die Putzgeneration in ihrem Innersten, dass ein sauberes Haus ein Zeichen für ein vergeudetes Leben ist. Da bin ich mir sicher. Das ist doch nicht gebraucht werden, den Staub abzuwedeln.
Am glücklichsten sind die Ommas, die jeden Nachmittag über die Wiese ächzen und Klee rupfen für unsere  Stallhasen. Und diejenigen, die noch Aufgaben haben in ihrer Familie.
Und warum beschäftigt mich das? Weil sich die alte Neurodermitis wieder einquartiert hat und ich nicht glauben kann, dass mich dieser Parasit schon wieder erwischt. Ich will verdammt noch mal leistungsfähig sein und mir nicht jetzt, wo die wichtigen Proben anstehen, die Nächte um die Ohren hauen. Aber mit Trotzkopf ist da nichts zu machen. Ich werde also weniger tun und vielleicht was absagen und ein Mantra für das Artilleriefeuer in meinen Nerven erfinden. Bleib mal locker. Oder so was.
Das ist mir neulich eingefallen. Dass mein Bruder erzählt hat, wie er seinen Job macht. Er fliegt zum Beispiel nach Moskau oder fährt nach Frankfurt, setzt sich dort in eine Lounge und macht sich locker. Später auflegen, kein Alkohol, viel Wasser, locker machen und schlafen gehen.
Das ist doch nicht schlecht, wenn ich es mir überlege. Da passieren dauernd soviele Sachen und blöde Sprüche und vereinnahmende Menschen und eine Belagerung durch die Medien, dass man total unentspannt wird und vielleicht noch den Mist glaubt.
Da muss man sich erst mal wieder locker machen.
Auf der Rückfahrt hat mich ein iranisches Pärchen mitgenommen, das seine Karosse via Festplatte in eine orientalische Großraumdisko verwandelt hat. Was sehr lustig war und dann konnten die mir tatsächlich helfen bei der Aussprache der persischen Namen für den Sprecherjob.
Ja wunderbar, dachte ich, wird man in einem Abwasch heimgefahren und auf das Tonstudio vorbereitet.
Und überhaupt Familie. Was ich da alles mitbekommen habe. Von der kleinen und der erweiterten Familie. Da gab es Leute, die umgezogen sind oder sich haben ihren Feierabend rauben lassen, damit aus mir und den anderen Halbstarken was wird. Das ist doch unglaublich.
Ich will mitspielen.
Man muss mitspielen bis zum Ende. Die Hasen füttern und sich locker machen und sagen, dass man nach innen weint und von Ausschlag gezeichneten Mädchen bei der Aussprache persischer Namen helfen und eine Musik in den Himmel schicken, dass einem selbst und der gesamten Familie das Herz platzt vor Dankbarkeit und Krankheit und Kraft.

July 6th, 2009

Aber weshalb machten wir die Klappen auf, weshalb?
Seltsam, daß du das nicht begreifst. Wir machten die Klappen auf, um sie sodann gleich mit einem Knall zuzuschmeißen.
Sasha Sokolov, Die Schule der Dummen

July 2nd, 2009

Wie sich herausstellte handelte es sich um einen Abschnitt aus Schillers `Die Räuber´

In der Hitze der Schloßgärten wurde mir ein schönes Schauspiel zu Teil. Vor dem Palmenhaus schritten zwei achtjährige Mädchen auf und ab und übten, einen vom Lehrer aufgetragenen Vers, rezitieren. Barfuß, in ihren wallenden Sommerkleidchen, war es wahr als sie sprachen:
” Da war mir´s als säh ich aufflammen den ganzen Horizont – eine feurige Lohe – und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmolzen und eine heulende Windsbraut fegte von hinnen  Himmel und Erde…”
Mit großer Geste und zitternden Augen und durchaus dramatischer Gestaltung  fesselten die zwei Rotznasen eine gute halbe Stunde meine volle Aufmerksamkeit.
Und später der Sprechchor von fünfundzwanzig zusammengerotteten Drittklässlern, ein Inferno auf die Nachmittagsmattigkeit des Parks herunterschwören: “… eine feurige Lohe…” Rumms, Kawumm!
Die steinernen Götter, Helden und Nymphen weiter hinten im Garten störte das wenig – ihr Auftritt setzt bereits Moos an, wenngleich es ein aufregender gewesen sein muss – davon zeugen die erlegten Monster an den Wiederhaken ihrer Spere, die Flöten, Weinbecher und beinahe lächelnden Lippen der Frauen.
Eine Schautafel informiert mich unterdessen , dass ein Ludiwg von Sckell meinte “das Wasser ist die Seele eines Gartens” und zu diesem Zweck den Wald um das Schloß mit einem Netz aus Teichen, Wasserläufen und Seen überzogen hat. Herzlichen Dank, da kann man wunderbar seine Haxen reinhängen.
Haxen ist der gern verwendete Ausdruck einer meiner Heimbewohnerinnen, die während dem Krieg bei Kuhoperationen mitgeholfen hat, und …”Sie können es sich nicht vorstellen, was eine Kuh für einen Blähbauch kriegt, wenn sie was Falsches gefressen hat, da mussten wir mit einer langen Nadel unterhalb des rechten Haxens von dem Vieh hineinstechen, dass es einem nur so um die Ohren gepfiffen hat, wie die Kuh sich da entbläht hat.”
Überhaupt haben die Heimbewohnerinnen viele Lieblingsworte, genauer Lieblingssätze. Meine Top 5 der in den vergangenen Monaten gehörten sind hier aufgelistet:
“Saustall hier Kruzifix.”
“Ach, ich häng mich auf.”
“Eigentlich haben wir uns doch alle ganz gut verstanden bevor der Hitler kam; die Juden und die Maharajas und wir- alle zusammen sind wir im Kurbad gesessen.”
“Wo bin ich?”
“Verraten Sie mich nicht  – ich geh jetzt eine rauchen. Hihi.”