Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

February 27th, 2010

Gegen Mittag schließlich auf einem tatsächlichen Berg gestanden, 360 Grad Schneealpengipfel. Gut einen Kilometer von uns entfernt, etwas tiefer, die Bahn, wo sich Menschen auf ihren Schlitten mit roten Backen und Kinderjauchzen von einem steilen Hang das Fürchten lehren ließen.
Und mitten in der heißen, von keinem Hindernis verdeckten, Sonne, den nicht nahen und durch die Akustik  doch sehr nahen Geschwindigkeitsschreien der Abfahrenden gelauscht und wahrscheinlich, weil es so hoch war, und ungewöhnlich warm und alles weiß ohne Dreck, plötzlich den Wunsch gehabt, dass jetzt alles aufhört und nie mehr etwas kommt, das schlechter ist als das.
Wo die konzentrierte Stille nur von gelegentlichem Gekicher und Ausrutschen und sich an den anderen festhalten und deshalb alle zusammen umfallen und im Schnee liegen und den Hang hinab rollen gebrochen wird, immer bleiben und nichts anderes mehr wissen.

February 27th, 2010

Auf dem Rückweg, etwa 1000 Höhenmetern tiefer, liegt auf unserem Pfad ein umgestürzter Baum, dessen erdverkrustete Krallen aus dem felsigen Boden ragen. Und als wäre nicht in weichlichen Romanen und Selbsterfahrungsprospekten dazu aufgerufen worden, greife ich eine Handvoll Erde aus dem Wurzelwerk des Baumes, zerreibe sie zwischen den Fingern und rieche daran. Mir keiner Schuld bewusst.

February 17th, 2010

Die Beschränkung der musikalischen Mittel ist eine Tugend ist. Ein Techno-Track ist wie ein japanisches Haiku: ganz einfach und sehr schwierig. Man muss sich in die Schleifen des Immergleichen fallen lassen. Das ist in den letzten Jahren eher noch radikaler geworden als zur Hoch-Zeit des Technobooms. Damals war die elektronische Musik viel muskulöser. Der paradigmatische Berliner Sound, der sich aktuell im Minimal-Techno verwirklicht hat, basiert eher auf einem Skelett von Musik. Es wird viel stärker auf Dauer gesetzt. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen, um über eine lange Strecke hinweg diesen meditativen Sog zu entwickeln. Es macht keinen Sinn, da nur mal eben reinhören zu wollen. Die Wiederholung macht einen fertig und glücklich.

Interview mit Tobias Rapp, Der Tagesspiegel, 2009

February 17th, 2010

Von der Ottomane zum Sofa ins Bett und von vorn. An jeder Station sind Bücher. Manche wandern mit, andere bleiben liegen, werden in der zweiten Runde weitergelesen.
Es geht mir wohl, säuische Zufriedenheit.

Er hatte wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, dass es eine Art hatte, – der Schneesturm mit einem Worte, war da, der lange gedroht hatte, wenn man von Drohung sprechen kann, in Hinsicht auf blinde und unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre,  sondern denen auf die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit unterläuft.
(Der Zauberberg, Thomas Mann)