Gestern Beethovens Neunte in der Philharmonie.
Ich sah sehr hübsch aus in meinem karierten Kleid und Schlomo trug einen schwarzen Pullover, der mit viel Phantasie als klassisch bezeichnet werden kann. Riesenchor und Orchester mit reichlich Musikern, davon vier, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben:
- Ein Cellist, Andy Warhol -Gesichtszüge, der mittels raumnehmendem Armrudern seinen Instrumentenkasten drangsalierte, auf dass die Sinfonie noch an diesem Abend dem Erdboden gleich gemacht werde.
-Sichtlich betretener Junge mit abstehenden Ohren, den man in einen Konfirmandenanzug gesteckt und hinter der Pauke platziert hat, augenscheinlich damit er zwei Mal, während allgemeinem Orchestertosen beim Allegro energico, der Kuhhaut einen Tritt verpasst.
- Der große Asiate erste Reihe, in akrobatischer Leidenschaft um seine Geige geschlungen, gewiss ein Geheimtipp unter verliebten Kontorsionistinnen.
- Die Sopranistin, vielleicht schon Mutter erwachsener Kinder, immer noch fabelhaftes Dekolleté und wirklich Freude schöner Götterfunken in Leib und Lachen. Frau zum Anbeißen (Praline).
Im Vorfeld des Konzertbesuchs konnte ich nicht gut essen und hatte feuchte Hände und eine leise Ankündigung in mir, die sagte: Vorsicht. Der alte Ludwig wird dir an die Nieren greifen.
Was sich bewahrheitete. Es hätte nicht einmal mehr der einhundertfünfzig, aus ihren Bänken springenden, Sänger bedurft, die den vierten Satz durch meine Schädeldecke und in den Orbit eines vielleicht um diese nächtliche Stunde still kreisenden Planetenbrockens weit von unserer Galaxie entfernt, jagten.
Es ist eine Reinheit und atavistische Verbundenheit in dem weit aufgerissenen Mund eines um sich schlagend, schreiend, brüllend singenden Menschen.
Erste Handlung eines Neugeborenen. Schmerz und Freude. Kanon aller Völker.

klingt gut!