Tod und Verderben

wir haben es nicht nötig

June 22nd, 2010

Schildkröten, Wölfe, Affen

Im Sommer vor einem Jahr habe ich eine sehr begabte Malerin kennen gelernt: Ruth Kretzmann.
Ihre Bilder sind  so ziemlich das Schönste, was ich jemals beim Entstehen beobachten durfte. Leider kann ich sie mir zur Zeit nicht leisten. Deshalb freut es mich um so mehr, dass seit Kurzem ein Bild von ihr als Leihgabe in unserer Hütte hängt. Wer nicht vorbeikommen kann, um es zu betrachten, sehe sich unter ihrem Namen um oder flaniere mit mir am Wochenende durch Art in Au.

June 1st, 2010

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Ich nehme keine Bücher mit, keine Musik, nichts um mich abzulenken und habe ein bisschen Angst, dass es langweilig wird.
50 Kilometer vor Garmisch Partenkirchen besteht Schienenersatzverkehr. 100 Menschen und ich stehen am Bahnhof und wissen nicht weiter. Ratsuchend schauen wir uns auf dem einsamen Gelände um, als bereits ein Angestellter heran keucht, auf bayerisch und bayerisch englisch erklärt, dass ihm die entstandene Konfusion leid tut und wir ihm alle hinterher laufen sollen, er bringt uns jetzt zum richtigen Bus. Die Italiener lachen und finden es wahrscheinlich drollig, dass er das Konfusion nennt.
Die Busfahrt wird zum kleinen Überlandabenteuer für die Amerikaner in der Reihe hinter mir. Ihnen werden blondbewimperte Kühe und Dorfstraßen geboten, die wirklich aussehen, wie in Sound of Music.  Auch mir ist jetzt nach Singen, ein Japaner hat sein Edelweiß  T-Shirt angezogen und der Fahrer sagt durchs Mikro: „Keine Angst – you will be happy.“
Unter den Mitreisenden ist unterdessen Solidarität ausgebrochen, es wird sich unterhalten und Nonsens über die Höhe der Berge verbreitet. Ich rutsche sehr tief in meine Sonnenbrille hinein und freue mich auf Ruhe.

Die Berge sind schlicht und groß und die erwünschte Einsamkeit perfekt. Auf einer Anhöhe unter  Tannen entwerfe ich mein neues Lieblingsleben:
Ich wohne hier mit zwei Schafen und mehreren Hühnern. Die Hühner spielen nachts Karten, die Schafe heißen Wallenstein und Robespierre. Morgens steigt der Dampf aus den Wiesen, ich vertrage wieder Milch und schwimme in kalten Seen.
Es ist fast immer Sommer oder Frühling. Ich trage Sandalen oder Gummistiefel und nie Sportschuhe.
Herbst und Winter sind kurz und eindeutig. Der Wald knackt und macht sich Gedanken und wenn ich mit dem Fahrrad ins nächste Dorf fahre springen die Kieselsteine auf dem Weg zur Seite.

Im Sommerfrischlerwahnsinn renne ich am nächsten Morgen um halb 7 die Alm hinauf.  Das Rennen vergeht mir nach 100 Höhenmetern und nach 1800 sitze ich zittrig auf dem Gipfel und bin der Sommerfrischlernaivität gründlich entwachsen. Es ist dennoch verdammt schön und dass ein Regenbogen auftaucht, der meine ernsten Gedanken zu einem Delfinposterwitz degradiert, nehme ich dem Himmel nur vorübergehend übel.
Ich fange an, mich für die Bemalung der Häuser zu interessieren. Ich meine nicht die Verzierungen und Holzschnitzereien, sondern die Kuhmädchen, Waldarbeiter und Hufschmiede, die in einer Art bayerischer Sozialismuskunst an die Außenwände der Höfe und Scheunen gepinselt wurden. Die dargestellten Menschen sind alle im Besitz eines braungebrannten Arbeitergesichtes, eckiger Ruderarme und einer mehlsuppigen Bockigkeit.
Neo Rauch ohne grelle Farben.
Und überall zwischen diesen SPD Protagonisten sitzt und streunt herbei gelaufenes Getier aus dem heimischen Wald – Füchse, Marder, ein Bär und immer wieder Schwalben.

Die ganze Woche wird der Frühstücksraum des Berghotels mit traditioneller Zither – und Akkordeonmusik beschallt. Am letzten Tag jedoch läuft laut aufgedreht, aus einem Grund der im Dunkeln nicht kausal verankerter Vorkommnisse bleiben wird, James Brown – sex machine!
Ich bin begeistert und strahle die Frührentner am gegenüberliegenden Tisch an.
Die tun so, als verstehen sie kein Englisch oder sind vor der ersten Weißwurst einfach noch nicht wach.

(Bild: Gabriele Münter, Murnauer Moos, 1932/ Der blaue Reiter)

May 9th, 2010

Saarbrücken – wieder

Vom Bahnhof kommend stoße ich auf genau so viele Spielotheken, Pizza Huts und Fahrschulen, wie nötig sind, um eine Stadt trostlos erscheinen zu lassen. Die Fußgängerzone sieht mich hohlwangig aus ihren – zu vermieten – ohne Provision – Räumungsverkauf – Erdgeschossen an.
Ich bin hier um in 8 verschiedenen Schulen vorzulesen. Dafür hatte ich mich die Zugfahrt über mit allerlei Motivationssätzen ermuntert, nun schwindet die Zuversicht. Wie eine Stadt so ihre Kinder. Ab jetzt kann ich mir nicht mehr einreden, dass die 13 Jährigen hier aus ungeklärten Umständen heraus literaturversessene liebe Menschlein sind.
Am hinteren Ende der Einkaufspassage wird es etwas besser, zerschossene Altbauten, eins davon ist das Schriftstellerdomizil, wo ich schlafen werde. Instinktsicher führt mich mein Hunger zu dem nächsten China Imbiss. Während ich auf ein Nasi Goreng warte schaut mich die Köchin über die Schulter lächelnd an. Ich glaube, die Asiaten schaffen es überall auf der Welt, einem das Gefühl zu geben nicht ganz allein zu sein.
Mit dem Nasi setze ich mich an die Saar, die, damit sie nicht zu viel Erholung bietet an ihrem rechten Ufer mit einer Stadtautobahn versehen wurde.  Der links von mir hockende Reiher, der hier vielleicht seine Kindheit verbracht hat und noch Schilfgras und Wasserrauschen kennt, sieht mit disassoziiertem Blick auf die sechs spurige Straße.
Auch er ein Fremder, denke ich. Und von welchem Roman ich das habe, mir alle Gegenstände und Tiere und Passanten auf meine Gemütsverfassung hinbiegen zu müssen.
Der Autor, der vor mir im Schriftstellerdomizil wohnte, hat einen Mango Lassi und zwei halb geleerte Flaschen  Alkohol im Kühlschrank gelassen, ich schicke ein Dankeschön in den Äther und kombiniere sofort: Der hatte auch keine Zuversicht. Ist den Bahnhof runtergekommen, genau denselben Weg, mit der Wegbeschreibung von dem Förderkreis, hat eine nachkriegsleere Franchisestadt vorgefunden und dann sofort im Netto die zwei Flaschen gekauft. Die erste noch am selben Abend aufgemacht und die Zweite am nächsten Morgen, als es zur Schule ging.
So kann ich nicht schlafen gehen. Ich muss mir helfen und meditiere: Das ist jetzt wie in so einem Film, die Sozialarbeiterin kommt in ein crackabhängiges Problemviertel und muss hart durch und sich Respekt erkämpfen und die schlimmen Eltern zu Hause aufsuchen und dann wird nicht alles, aber vieles besser, die Jugendliche fassen Mut, verändern ihr Leben, dazu amerikanische Musik und Laiendarsteller, die später von einer Jury gelobt werden.
„Halt den Rand mit deinem Fernsehglauben“, erwidert die kleine Stimme in mir und „Licht aus!“

Am nächsten Morgen. 8 Uhr. Sechzig weit aufgespannte Augenpaare blicken mich an. Um diese Uhrzeit bin ich normalerweise noch 2 Stunden vorm ersten Mal weiter snoozen entfernt. Nichtsdestotrotz, mein Fernsehglauben hat gewirkt. Aus ungeklärten Umständen heraus wurden die Saarland – Kids mit Lehrern und vermutlich Eltern und ganz eventuell auch Politikern ausgestattet, die was für sie getan haben.
Alle lesen, freiwillig, auch die Jungs, fast auf jede Frage bekomme ich eine reflektierte Antwort und eine gruslige Fröhlichkeit bei alledem. Klar ist das Ausnahmezustand. Ein guter.
Und dann auf dem Gang durch den Schulflur mein Blick auf die gepanzerten, nur von innen zu öffnenden Türen zu den Klassenzimmern. Und die Lehrerin: „Vorsichtsmaßnahme. Amokläufer.“

Die eine Kirche, die ich mir in Saarbrücken anschaue, versetzt mir einen solchen Augenkeuchhusten, dass ich die übrigen auf 100 Schritt umgehen werde. Rokoko – verdorbenes Pack.
Das Erbauungsjahr verweist zwar auf Barock. Aber das würde an dieser Stelle zu milde Assoziationen wecken. Eine Kirche sollte kein Konfekt sein. Kein Marzipankonfekt zumindest.
Mir ist schnell klar: In diesen Räumen wird nicht Blut vergossen, auch kein Märtyrer erledigt.
Heile heile Segen, drei Tage Regen… das war die Philosophie der Herren Kirchenbaumeister der St. Johann. Verstecken, nachdenken, etwas verschweigen -  Fehlanzeige.
Gelacktes Weiß und Blattgold der grelleren Sorte, Schlafzimmergarnituren 60`er Jahre, ich habe das schon einmal gesehen. Selbst an den pastellgrünen Teppich wurde gedacht. Der Predigtstuhl hat eine Krokant bekleckste Sahnehaube auf dem Dach und vier marmorierte Säulen stehen tatenlos am Eingang. Säulchen.
Böse, böse.
Der porzellanene Jesus oder Amor oder männliches Unterwäschemodel vorne bekommt heute ein Foto von Heidi Klum und ist eine Runde weiter. Was soll ich von diesem Gebäude halten? Wechseljahrende Frauen, die ihren eigenen Friseursalon eröffnen, zeigen mehr Sachverstand beim Einrichten. Nicht mal die Bibeln sind schwarz. Ich will gehen. Plötzlich der samtbezogene Stuhl, zierliche Armlehnen, ein niedlicher kleiner Betrug für niedliche betrügerische Menschen. Jetzt verstehe ich: Das ist gar keine Kirche. Das ist ein Barbiehaus. Ich schüttel den Kopf über meine Unachtsamkeit. Hätte man doch gleich merken können.

Er sitzt direkt vor mir und hat, wie es sich für einen Stadtraben gehört, Angst vor nichts.
Stürzt sich von der Mauer, spannt die Flügel nicht auf, sondern fällt, fällt,
den Luftwiderstand brechend,
erst im allerletzten Moment die Flügel ausbreitend, als wäre es nichts. Eine Kleinigkeit.
Ist sich meiner Hochachtung gewiss, der Rabe, und schielt über die Schulter auf mein bedauerlich flugunfähiges Gestell.

April 26th, 2010

‘Unter Eis’ von Falk Richter

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Neulich hat mir ein freundlicher Mitmensch einen Tag in Berlin gesponsert. Abends hatte ich Gelegenheit die `Unter Eis´  Inszenierung von Falk Richter zu sehen. Sehr wirtschaftskritisch. Der Schauspieler, der den Unternehmensberater auf dem Bild oben gespielt hat, kann sich jetzt mit Christoph Waltz in die Reihe stellen, die ich für Männer die mir Angst machen, vorgesehen habe. Dabei hat er nichts getan, als die menschenfeindliche Leistungsträgerscheiße zu wiederholen, die Pressesprecher, Politiker und Konzernchefs täglich herbeipredigen.
Ich hatte 90 Minuten lang nasse Hände; die waren mit  -an der Jeans abwischen – gar nicht mehr trocken zu kriegen.

“Ich wollte nicht,
ich wollte das nicht,
mir war das peinlich,

aber bei solchen Veranstaltungen wurden wir auf Teamgeist und Personal Effectiveness geprüft, und da wurden Sympathiepunkte vergeben –
wenn du da nicht mitmachst oder nicht richtig witzig bist, kommst du einfach nicht in die nächste Runde,
oder du bekommst als nächstes ein Projekt, das qualitativ unter dem steht, was du eigentlich erhofft hattest, als Strafe sozusagen, als Vorwarnung,
heißt, du wirst dann nach Dresden oder Dortmund geschickt, obwohl du eigentlich für London oder Tokio vorgesehen warst…

Das sind alles Ressourcen, die überflüssig geworden sind.
Es gibt Menschen, die keiner mehr braucht.
Und es gibt Länder, die keiner mehr braucht, es gibt ganze Kontinente, die keiner mehr braucht. Afrika zum Beispiel – das brauchen wir nicht mehr, das brauchen wir nur noch als Kulisse für unsere Musicals. Und die Menschen, die wir nicht brauchen, die können wir ja in die Fernsehshows karren, da können die sitzen und klatschen den ganzen Tag, da haben die wenigstens was zu tun.”

April 8th, 2010

Dieser Mensch… Vielleicht habe ich etwas an ihm zu vollbringen; aber vielleicht habe ich nur etwas zu lernen, und es kommt nur darauf an, dass ich `annehme´.
Es kann sein, dass ich sogleich zu antworten habe, eben an diesen Menschen hier hin; es kann auch sein, dass dem Sagen eine lange, vielfältige Transmission bevorsteht und dass ich darauf anderswo, anderswann antworten soll, wer weiß in was für einer Sprache…
M. Buber, Zwiesprache

March 31st, 2010

Tel Aviv begann mit den im Wind flatternden Fahnen unweit des Flughafengeländes, weiß und blau, betrachtet aus dem Fenster eines Taxis, dessen Fahrer uns am Ende der Fahrt über den Tisch ziehen würde, wir wussten es und sagten nichts.

Das kleine Hotel der Russin. Ihre gefärbten Haare, violett flammend hinter der Theke des ausrangierten Rezeptionsmobiliars. Sofortige Gewissheit, dass das Zimmer sauber sein würde, die Dusche aber nur oberflächlich gereinigt.
Das Liegen auf dem Bett, Lärm von draußen auch bei geschlossenem Fenster, Staub auf der Zunge, glücklich.

Die Straße; die durch die Bank weg unangestrengt schönen Israelinnen, die Männer orientalisch auf europäische Art, ein wenig vergrübelt, Lust mit ihnen zu sprechen.
Später mit ihnen gesprochen. Designer, Werbefilmer, Maler, Sozialarbeiter, alles wie bei uns.
Am dritten Abend die Vernissage einer Barbekanntschaft besucht. Anschließend äthiopisch essen mit den Leuten von der Ausstellung. Überhaupt das Essen. Qualitativ und selbstverständlich.  „Ich musste fast weinen“, sagen wir, wenn der Cappuccino gut war. Oder das Brot, der Humus. Wir sagen es die nächsten Tage noch oft.

Außerdem Blumen. Blumen wie der Biss einer Giftschlange. Tropfendes Lila und Rot.
Ähnlich die Karotten, sehr dick, natürliche Mutation. Unser Auflachen, als wir sie zum ersten  Mal entdecken. Der Saft daraus. Gemischt mit Papaya jeden Morgen.

Über das Meer muss niemand etwas Neues schreiben. Es ist da und es ist größer als wir selbst.

In der Nacht nach dem Pessachfest wieder eine Bar mit den Künstlern von der Vernissage. Wieder Leute kennengelernt. Linke Israelis die sagen Israel ist rassistisch, weit gereiste Israelis, die uns ihre favorisierten Cafes in Europa aufzählen, Israelis die von ihrer Familie erzählen, ein dauerndes Stühle dazustellen, den Kreis noch weiter machen, und noch weiter und noch weiter.

Alkohol.
Elektroclub.
Mein plötzlich heiß pulsierendes, über und über rot werdendes Gesicht, als mich Shlomi nach dem Titel meines Lieblingstheaterstücks fragt und ich „Mein Kampf“ sage.
Dann erkläre, um was es geht und von einem Juden ist und so weiter.
Shlomis Lächeln.

Der andere Junge,
als ich ihn frage, ob Großeltern oder Verwandte von ihm ermordet wurden
und er ja sagt und wir uns anschauen und nichts.
Und das Nichts ist gewaltig und einnehmend und bindet unsere Gehirne und Seelen aneinander, als wären wir in einen Zungenkuss verschlungen.

Hunde.
In Tel Aviv hat jeder einen Hund. Es gibt Spielplätze für Hunde, Wassernäpfe überall, Haufen und Boutiquen mit Kleidung für die Viecher. Urik sagt, weil Familie eigentlich stark in der Kultur verankert ist, aber in Tel Aviv keiner Familie macht. Deswegen.

Wir picknicken an Verkehrskreuzungen, Hafenanlagen, in Parks und an Stränden. Der Organismus fährt mit jedem Tag mehr runter. Mir scheint, es werden nur noch die allernotwendigsten Organfunktionen aufrecht erhalten. Eine umfassende, erlösende Tiefenentspannung.
Ich bemühe mich nicht darum zu lesen. Zu reden.
Von morgens bis abends durch die Stadt schlurfen, im Sand sitzen. Die anderen sind auch dabei. Wir trotten von einer Altstadt zur nächsten. Auch dort muss nichts empfunden, nichts veranlasst werden.

Maya gegenüber erwähne ich, dass ich gerne mit einem Tel Aviver hin und wieder Wohnung tauschen würde. Sie hört zu, hellwach.
Nicht nur sie.

Ich fand Palmen immer kitschig.
Jetzt weiß ich, dass es nur an dem fehlenden Zusammenhang lag.
In einer weißen Stadt mit verdreckten Höfen und Katzen, die mit vollem Recht Veteranen genannt werden können, fällt alles baumarkthafte von einer Palme ab.

March 24th, 2010

Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. (Die Leiden des jungen Werther)

In dem Cafe eine Ecke von der Haustür weg – Sonne – früh am Vormittag.
Mit mir trinken, rauchen und starren ein paar weitere Gäste vor sich hin.
3 Straßenkehrer mit richtigen Hexenbesen fegen den Bordstein und winken dem mit der Parklücke kämpfenden Einparker. Ich mag ihre schweren Schritte und das zur Schau getragene über der Arbeit stehende Selbstbewusstsein.
Am Tisch links zwei Mädchen, ein bisschen heruntergekommen, reden vulgär über ihre Mitbewohner. Stört mich nicht, obwohl es sehr laut ist. Liegt wohl an der Wärme.
Gestern Abend in kalter Luft und Erwartung des Konzerts vor dem Eingang am O -Platz gestanden. Der kurze Schreck, am Leben zu sein. Versuchung darüber die Fassung zu verlieren – ganz still gehalten, an die Mauer gelehnt, mir nichts anmerken lassen.

March 17th, 2010

Gewöhnlicher Efeu. Die Erbauung, die von dem Wort gewöhnlich ausgeht.
Nicht verbesserter Leuchtstern oder
Prächtige Zierquitte.
Gewöhnlicher Efeu. Da ist wohnen drin und ein ö, nahe dem o-Seufzen ist, das mir heute über die Lippen kam, als mein unverhofft freier Tag auf einer Bank im Botanischen Garten zum Stehen kam.

Seit zwei Wochen finde ich mich regelmäßig auf dem Linoleumboden einer alten Turnhalle ein, um „afrikanisch“ zu tanzen.
Um mich wirklich in der richtigen Verfassung für diesen Kurs zu befinden, müsste ich eigentlich nicht nur weiblich, sondern auch zwei gescheiterte Beziehungen weiter oder schwanger sein. Zumindest die Wände meiner Wohnung mit Wischtechnik streichen. Orange.
So hatte ich mir das vorgestellt. Die Realität überflügelt meine Erwartungen. Und trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass ich neben den, tatsächlich Freude machenden, Bewegungen auch eine innwendig, geistig erheiternde Bewegung genieße.

Meine Doppelgängerin habe ich ebenfalls schon entdeckt.
Ein bisschen dürr um die Brust, mit Holzknien und hoffnungslos konzentriertem Blick steht sie reichlich unafrikanisch gar nicht weit weg von mir, zweite Reihe links.

February 27th, 2010

Gegen Mittag schließlich auf einem tatsächlichen Berg gestanden, 360 Grad Schneealpengipfel. Gut einen Kilometer von uns entfernt, etwas tiefer, die Bahn, wo sich Menschen auf ihren Schlitten mit roten Backen und Kinderjauchzen von einem steilen Hang das Fürchten lehren ließen.
Und mitten in der heißen, von keinem Hindernis verdeckten, Sonne, den nicht nahen und durch die Akustik  doch sehr nahen Geschwindigkeitsschreien der Abfahrenden gelauscht und wahrscheinlich, weil es so hoch war, und ungewöhnlich warm und alles weiß ohne Dreck, plötzlich den Wunsch gehabt, dass jetzt alles aufhört und nie mehr etwas kommt, das schlechter ist als das.
Wo die konzentrierte Stille nur von gelegentlichem Gekicher und Ausrutschen und sich an den anderen festhalten und deshalb alle zusammen umfallen und im Schnee liegen und den Hang hinab rollen gebrochen wird, immer bleiben und nichts anderes mehr wissen.

February 27th, 2010

Auf dem Rückweg, etwa 1000 Höhenmetern tiefer, liegt auf unserem Pfad ein umgestürzter Baum, dessen erdverkrustete Krallen aus dem felsigen Boden ragen. Und als wäre nicht in weichlichen Romanen und Selbsterfahrungsprospekten dazu aufgerufen worden, greife ich eine Handvoll Erde aus dem Wurzelwerk des Baumes, zerreibe sie zwischen den Fingern und rieche daran. Mir keiner Schuld bewusst.