Tel Aviv begann mit den im Wind flatternden Fahnen unweit des Flughafengeländes, weiß und blau, betrachtet aus dem Fenster eines Taxis, dessen Fahrer uns am Ende der Fahrt über den Tisch ziehen würde, wir wussten es und sagten nichts.
Das kleine Hotel der Russin. Ihre gefärbten Haare, violett flammend hinter der Theke des ausrangierten Rezeptionsmobiliars. Sofortige Gewissheit, dass das Zimmer sauber sein würde, die Dusche aber nur oberflächlich gereinigt.
Das Liegen auf dem Bett, Lärm von draußen auch bei geschlossenem Fenster, Staub auf der Zunge, glücklich.
Die Straße; die durch die Bank weg unangestrengt schönen Israelinnen, die Männer orientalisch auf europäische Art, ein wenig vergrübelt, Lust mit ihnen zu sprechen.
Später mit ihnen gesprochen. Designer, Werbefilmer, Maler, Sozialarbeiter, alles wie bei uns.
Am dritten Abend die Vernissage einer Barbekanntschaft besucht. Anschließend äthiopisch essen mit den Leuten von der Ausstellung. Überhaupt das Essen. Qualitativ und selbstverständlich. „Ich musste fast weinen“, sagen wir, wenn der Cappuccino gut war. Oder das Brot, der Humus. Wir sagen es die nächsten Tage noch oft.
Außerdem Blumen. Blumen wie der Biss einer Giftschlange. Tropfendes Lila und Rot.
Ähnlich die Karotten, sehr dick, natürliche Mutation. Unser Auflachen, als wir sie zum ersten Mal entdecken. Der Saft daraus. Gemischt mit Papaya jeden Morgen.
Über das Meer muss niemand etwas Neues schreiben. Es ist da und es ist größer als wir selbst.
In der Nacht nach dem Pessachfest wieder eine Bar mit den Künstlern von der Vernissage. Wieder Leute kennengelernt. Linke Israelis die sagen Israel ist rassistisch, weit gereiste Israelis, die uns ihre favorisierten Cafes in Europa aufzählen, Israelis die von ihrer Familie erzählen, ein dauerndes Stühle dazustellen, den Kreis noch weiter machen, und noch weiter und noch weiter.
Alkohol.
Elektroclub.
Mein plötzlich heiß pulsierendes, über und über rot werdendes Gesicht, als mich Shlomi nach dem Titel meines Lieblingstheaterstücks fragt und ich „Mein Kampf“ sage.
Dann erkläre, um was es geht und von einem Juden ist und so weiter.
Shlomis Lächeln.
Der andere Junge,
als ich ihn frage, ob Großeltern oder Verwandte von ihm ermordet wurden
und er ja sagt und wir uns anschauen und nichts.
Und das Nichts ist gewaltig und einnehmend und bindet unsere Gehirne und Seelen aneinander, als wären wir in einen Zungenkuss verschlungen.
Hunde.
In Tel Aviv hat jeder einen Hund. Es gibt Spielplätze für Hunde, Wassernäpfe überall, Haufen und Boutiquen mit Kleidung für die Viecher. Urik sagt, weil Familie eigentlich stark in der Kultur verankert ist, aber in Tel Aviv keiner Familie macht. Deswegen.
Wir picknicken an Verkehrskreuzungen, Hafenanlagen, in Parks und an Stränden. Der Organismus fährt mit jedem Tag mehr runter. Mir scheint, es werden nur noch die allernotwendigsten Organfunktionen aufrecht erhalten. Eine umfassende, erlösende Tiefenentspannung.
Ich bemühe mich nicht darum zu lesen. Zu reden.
Von morgens bis abends durch die Stadt schlurfen, im Sand sitzen. Die anderen sind auch dabei. Wir trotten von einer Altstadt zur nächsten. Auch dort muss nichts empfunden, nichts veranlasst werden.
Maya gegenüber erwähne ich, dass ich gerne mit einem Tel Aviver hin und wieder Wohnung tauschen würde. Sie hört zu, hellwach.
Nicht nur sie.
Ich fand Palmen immer kitschig.
Jetzt weiß ich, dass es nur an dem fehlenden Zusammenhang lag.
In einer weißen Stadt mit verdreckten Höfen und Katzen, die mit vollem Recht Veteranen genannt werden können, fällt alles baumarkthafte von einer Palme ab.